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42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
16.-19.09.2026
Starnberg

Vortrag

Rekurrenzplot-Analyse der Vibratoentwicklung im Laufe des Gesangstudiums

R. Walker - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland; Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, Dresden, Deutschland
M. Fleischer - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland
M. Bieber - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland; Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, Dresden, Deutschland
H. Zabel - Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, Dresden, Deutschland
D. Mürbe - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Berlin, Deutschland; Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, Dresden, Deutschland

Zusammenfassung

Hintergrund: Vibrato ist eine regelmäßige Modulation von Frequenz, Lautstärke und Klangfarbe und gilt als zentrales Element des klassischen Gesangs. Es wird als Ergebnis einer Synchronisation innerhalb eines sängerspezifischen Frequenzbereichs beschrieben. Perzeptiv ist Vibrato jedoch erst ab etwa 11 Cent von Non-Vibrato unterscheidbar. Damit bleibt unklar, ob im subperzeptiven Bereich bereits strukturierte dynamische Muster oder eine charakteristische Vibrato-Rate nachweisbar sind.

Material und Methode: Anhand ausgehaltener gesungener Töne untersuchten wir den Unterschied zwischen Non-Vibrato- und Vibrato-Stichproben. Aus einem Datensatz der Hochschule Carl Maria von Weber Dresden wurden hohe Töne mit zwei aufeinanderfolgenden Aufnahmen im Studienverlauf ausgewählt, bei denen der Vibrato-Umfang zunächst unter 11 Cent und anschließend darüber lag (n = 51). Rekurrenzplots wurden erstellt und Determiniertheit (Det) sowie die durchschnittliche Prediktionszeit (L) berechnet. Für L wurde ein gepaarter t-Test, für Det ein Wilcoxon-Signed-Rank-Test durchgeführt. Zur Prüfung der Vibrato-Rate wurden Intraklassenkorrelationskoeffizienten (ICCs) berechnet. Zusätzlich wurde eine ungepaarte Analyse für Gruppen durchgeführt, die im Laufe des Studiums ausschließlich mit Vibrato (n = 183) oder ohne Vibrato (n = 18) sangen.

Ergebnisse: Es zeigten sich signifikante Unterschiede für Det (p = 0.005) und L (p < 0.001) zwischen den Kein- und Nur-Vibrato-Gruppen. Bei Sängerinnen und Sängern mit Vibratoentwicklung stiegen Det (p < 0.001) und L (p < 0.001) von der Non-Vibrato- zur Vibrato-Aufnahme an. Die berechneten Vibrato-Raten blieben über die Aufnahmen hinweg weitgehend stabil (ICC(1,k) = 0.79).

Schlussfolgerung: Sängerinnen und Sänger, die ausschließlich mit Vibrato sangen, weisen stabilere Frequenzschwankungen auf als solche ohne Vibrato. Studierende, die Vibrato entwickelten, zeigten ein entsprechendes Muster. Die hohe Reliabilität zwischen der Non-Vibrato- und der Vibrato-Aufnahme liefert Evidenz für eine geringe intraindividuelle Variabilität um eine sängerspezifische Vibrato-Rate. Ein nächster Schritt ist zu prüfen, ob Det und L eine perzeptionsunabhängige Unterscheidung zwischen Vibrato und Non-Vibrato ermöglichen.

Text

Hintergrund

Vibrato ist eine regelmäßige Modulation von Frequenz, Lautstärke und Klangfarbe und gilt als zentrales Element des klassischen Gesangs. Es wird als Ergebnis einer Synchronisation innerhalb eines sängerspezifischen Frequenzbereichs beschrieben [1]. Perzeptiv ist Vibrato jedoch erst ab etwa 11 Cent von Non-Vibrato unterscheidbar [2]. Damit bleibt unklar, ob im subperzeptiven Bereich bereits strukturierte dynamische Muster oder eine charakteristische Vibrato-Rate nachweisbar sind.

Material und Methode

Anhand ausgehaltener gesungener Töne untersuchten wir den Unterschied zwischen Non-Vibrato- und Vibrato-Gruppen. Aus einem Datensatz der Hochschule Carl Maria von Weber Dresden wurden hohe Töne mit zwei aufeinanderfolgenden Aufnahmen im Studienverlauf ausgewählt, bei denen der Vibrato-Umfang zunächst unter 11.25 Cent und anschließend darüber lag (n = 51). Rekurrenzplots [3], [4] wurden erstellt. Rekurrenzplots werden berechnet, indem eine zeitverschobene Version des Frequenzverlaufs mit sich selbst verglichen wird. Jeder Punkt im Diagramm gibt an, ob zwei Zeitpunkte Werte aufweisen, die innerhalb eines Schwellenwerts ähnlich sind. Diagonale Linien spiegeln sich wiederholende Muster im Signal wider. Determiniertheit (Det) ist der prozentuale Anteil der Punkte im Diagramm, die diagonale Linien bilden, während „L“ die mittlere Länge der diagonalen Linien angibt (Abbildung 1 [Abb. 1]). Für L wurde ein gepaarter t-Test, für Det ein Wilcoxon-Signed-Rank-Test durchgeführt. Zur Prüfung der Vibrato-Rate wurden Intraklassenkorrelationskoeffizienten (ICCs) berechnet. Zusätzlich wurde eine ungepaarte Analyse für Gruppen durchgeführt, die im Laufe des Studiums ausschließlich mit Vibrato (n = 183) oder ohne Vibrato (n = 18) sangen.

Abbildung 1: Beispielhafte Signale (obere Reihe) und Rekurrenzplots (untere Reihe). Die Beispielaufzeichnung auf der linken Seite weist teilweise zufällige Schwankungen auf, während die Beispielaufzeichnung auf der rechten Seite stark periodisch ist.

Ergebnisse

Es zeigten sich signifikante Unterschiede für Det (p = 0.005) und L (p < 0.001) zwischen den Non-Vibrato- und Vibrato-Gruppen (Abbildung 2 [Abb. 2]). Bei Sängerinnen und Sängern mit Vibratoentwicklung stiegen Det (p < 0.001) und L (p < 0.001) von der Non-Vibrato- zur Vibrato-Aufnahme an. Die berechneten Vibrato-Raten blieben über die Aufnahmen hinweg weitgehend stabil (ICC(1,k) = 0.79).

Abbildung 2: Determiniertheit (Det) und durchschnittliche Prädiktionszeit (L) für Non-Vibrato- (NoVib) und Vibrato-Gruppe (Vib). Aufnahmen mit einem Vibrato-Umfang oberhalb der Wahrnehmungsschwelle (11,25 Cent) wiesen eine signifikant höhere Regelmäßigkeit auf, was sich in erhöhtem Determinism (Det) sowie höheren L-Werten zeigte.

Fazit/Schlussfolgerung

Sängerinnen und Sänger, die ausschließlich mit Vibrato sangen, weisen stabilere Frequenzschwankungen auf als solche ohne Vibrato. Studierende, die Vibrato entwickelten, zeigten ein entsprechendes Muster. Die hohe Reliabilität zwischen der Non-Vibrato- und der Vibrato-Aufnahme liefert Evidenz für eine geringe intraindividuelle Variabilität um eine sängerspezifische Vibrato-Rate. Ein nächster Schritt ist zu prüfen, ob Det und L eine perzeptionsunabhängige Unterscheidung zwischen Vibrato und Non-Vibrato ermöglichen.


Literatur

[1] Titze IR, Story B, Smith M, Long R. A reflex resonance model of vocal vibrato. J Acoust Soc Am. 2002 May;111(5 Pt 1):2272-82. DOI: 10.1121/1.1434945
[2] Wooding R, Nix J. Perception of Non-Vibrato Sung Tones: A Pilot Study. J Voice. 2016 Nov;30(6):762.e15-762.e21. DOI: 10.1016/j.jvoice.2015.10.005
[3] Marwan N, Carmen Romano M, Thiel M, Kurths J. Recurrence plots for the analysis of complex systems. Physics Reports. 2007;438:237-329.
[4] Acosta Martínez G, Daffern H. Complexity of Vocal Vibrato in Opera and Jazz Recordings: Insights From Entropy and Recurrence Analyses. J Voice. 2026 May;40(3):551-63. DOI: 10.1016/j.jvoice.2023.11.020