42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
Breathy but healthy – stilintendierte Phonationstypen bei Jazz- und Musicalsängerinnen für eine stilinformierte klinische Praxis
Zusammenfassung
Hintergrund: Jazz- und Musicalsängerinnen sind unterschiedlichen stimmlichen Anforderungen ausgesetzt. Musicalgesang erfordert hohe Phonationsintensität, Projektion und mehrstündige Ausdauer, wogegen Jazzgesang durch Flexibilität, Improvisation und Behauchtheit geprägt ist. Jazzgesang gilt häufig als der weniger belastende Stil, während Behauchtheit in der Diagnostik als pathologisches Merkmal angesehen wird. Ziel war zu prüfen, ob sich die Stile hinsichtlich intendierter Phonationstypen akustisch und elektroglottographisch unterscheiden und ob sich Differenzen in der Stimmbelastung zeigen.
Material und Methode: Zehn stimmgesunde Jazz- und Musicalsängerinnen (n=5/5; Abschlussjahr oder Beruf) wurden in einem schalladaptierten Laborraum untersucht. Die Stimmgesundheit wurde mittels Dysphonia Severity Index (DSI) gescreent. Erhoben wurden standardisierter Sprechtext und Song (stiltypisches Playback, Over The Rainbow) mit Kondensatormikrofon und Elektroglottographie (EGG). Die Analyse erfolgte mit FonaDyn einschließlich Differencemapping über den fo-SPL-Raum. Erfasste Parameter: CPP, Spectrum Balance, EGG-Kontaktmaße (Qci,QΔ, Ic), Harmonic Richness Factor (HRFegg), Phonationtype-Cluster (1–5). Stimmbelastungssymptomatiken wurden mittels Selbsteinschätzungsbogen (EASE), Stilintendierung der Performance per Fragebogen und Expertinnenrating erhoben.
Ergebnisse: Die Sprechstimmen beider Gruppen lagen oberhalb des CPP-Cut-offs von +10 dB (Musical: +11,86 dB; Jazz: +11,54 dB) und stützten die positiven DSI-Mittelwerte (Musical: 6,32; Jazz: 6,02). In der Singstimme zeigten sich deskriptiv stilspezifische Unterschiede: Musicalsängerinnen wiesen höhere CPP-Werte auf (Musical:+19,1 dB, Jazz:+17,1 dB) sowie höhere Spectrum-Balance-Werte in hohen Lagen über 80 dB SPL. EGG-Parameter zeigten über C4 und besonders im Passaggio um G4 stärkeren Stimmlippenkontakt. Jazzsängerinnen phonierten leiser, weicher und behauchter mit geringerem Glottisschluss. Die EASE-Auswertung ergab keinen Gruppenunterschied im Gesamtscore (Jazz: 27,4/80; Musical: 28,4/80); Subscores Vocal Fatigue (VF) und Pathologic-Risk Indicators (PRI) waren vergleichbar.
Schlussfolgerung: Jazz- und Musicalsängerinnen zeigen messbare Unterschiede der intendierten Phonationsstrategie in der Singstimme, jedoch keine vergleichbaren Auffälligkeiten der Sprechstimme. Dies spricht für stilintendierte, nicht per se pathologische Stimmqualitäten. Jazzgesang kann klinisch nicht pauschal als stimmschonender gelten. Die Befunde sprechen für stilsensible Beurteilungskriterien.
Text
Hintergrund
Professionelle Sängerinnen im Jazz und Musicaltheater sind stilbedingt unterschiedlichen stimmlichen Anforderungen ausgesetzt. Musicalgesang erfordert einen höheren glottalen Widerstand und mehrstündige Ausdauer [1], wohingegen Jazzgesang durch stimmliche Flexibilität, Improvisation und Behauchtheit geprägt ist [2]. Jazzgesang gilt häufig als der weniger belastende Stil, während Behauchtheit in der Diagnostik als pathologisches Merkmal angesehen wird. Der Mangel an belastbaren physiologischen sowie akustischen Daten in den populären Gesangsstilen, erschwert eine stilgerechte klinische Bewertung und die Entwicklung stilspezifischer Normwerte für professionelle Sängerinnen. Ziel der Studie war es, zu prüfen,
- inwiefern sich die Stile hinsichtlich intendierter Phonationstypen akustisch und physiologisch unterscheiden,
- ob sich dies auf die Sprechstimme und stimmdiagnostische Parameter auswirkt und
- ob sich daraus Konsequenzen bzgl. der Risikobewertung und Diagnostik ergeben.
Material und Methode
Achtzehn ausgebildete Jazz- und Musicalsängerinnen (n=9/9; Abschlussjahr oder im Beruf) wurden in einem schalladaptierten Laborraum untersucht. Die Stimmgesundheit wurde mittels Dysphonia Severity Index (DSI) gescreent. Erhoben wurden je ein standardisierter Sprechtext („Rainbow Passage“) und Song („Over The Rainbow", stilcharakteristisches Playback) mit Kondensatormikrofon und Elektroglottographie (EGG). Die Analyse erfolgte mit FonaDyn (v3.6.1) [3], es wurde ein Phonationstypen-Modell erstellt und die Unionmaps beider Gruppen über den Grundfrequenz (fo)-Lautstärke (SPL)-Raum verglichen. Erfasste akustische Parameter: Cepstral Peak Prominence (CPP), Spectrum Balance (SB). Physiologische EGG-Parameter: Contact Quotient by Integration (Qci), Kontaktgeschwindigkeit dEGGmax (QΔ), Harmonic Richness Factor (HRFegg). Kombinierte Parameter: Phonationstyp-Cluster (cPhon 1–5). Singstimmbelastungssymptomatiken wurden mittels Selbsteinschätzungsbogen (EASE) [4] erhoben. Stilintendierung der Performance und Expert:innenrating zur Stilbestimmung durch Hochschulprofessor:innen (n=6) beider Fachrichtungen wurden mittels Fragebogen evaluiert. Die statistische Auswertung erfolgte mit SPSS mittels Mann-Whitney-U-Test für nicht-parametrische Tests.
Ergebnisse
Die Sprechstimmen beider Gruppen waren vergleichbar, lagen oberhalb des Cut-Offs von +10 dB (CPPMWJazz=+11,49 dB, SD=+0,35dB; CPPMWMusical=+11,87 dB, SD=+0,56 dB) und unterstützen die Ergebnisse der positiven DSI-Mittelwerte (MWJazz=7,8, SD=2,3; MWMusical=7,1, SD=2,2). In der Singstimme zeigten sich signifikante stilspezifische Unterschiede. Die Musicalsängerinnen wiesen signifikant höhere CPP-Werte, (MWCPPJazz=+17,07 dB, SD=+1,02dB; MWCPPMusical=+18,96 dB, SD=+1,38 dB; U=9; p=0,005), SB-Werte (MWSBJazz=-19,5 dB, SD=+1,72 dB; MWSBMusical =-16,35 dB, SD=+2,8 dB; U=10, p=0,007) sowie signifikant höhere HRFEGG-Werte auf (MWHRFJazz= -9,4, SD=6,2, MWHRFMusical = -4,22, SD=6,01; U=8, p=0,004). Die Phonationstypen-Analyse mit fünf Clustern (s. Abbildung 1 [Abb. 1]) ergab, dass die Jazzsängerinnen signifikant häufiger und länger als die Vergleichsgruppe eine leisere, weichere und behauchtere Stimmqualität, d.h. schwächeren/kürzeren Glottisschluss nutzen (cPhon 5: breathy) (nJazz= 32,8%; nMusical=14,1%; U=17, p=0,038). Die EASE-Auswertung ergab keinen signifikanten Gruppenunterschied im Gesamtscore (MWEASEJazz=28,67/80, SD=8,5; MWEaseMusical=29,11/80, SD=6,4; U=35,5; p=0,657). Subscores Vocal Fatigue (MWVFJazz=15,33/40, SD=4,3; MWVFMusical=15,89/40, SD=4,4; U=37,5; p=0,789) und Pathologic-Risk Indicators (PRI, MWPRIJazz=13,33/40; MWPRIMusical =13,0/40; U=36,5; p=0,722) waren vergleichbar. Einzelne Sängerinnen beider Gruppen zeigten deutlich erhöhte PRI-Werte (18/40). Das Expert:innenrating (n=6) ergab 70% Übereinstimmung der repräsentierten Stile. Die stilcharakteristische Intention der Sängerinnen deckte sich mit den Ergebnissen.
Abbildung 1: Darstellung der Phonationtype-Cluster Unionmaps für die Gruppe Jazz n=9 (links) und Musical n=9 (rechts) über den fo-SPL-Raum des Testsongs. Die Jazzmap zeigt ausgeprägte Nutzung des breathy-Clusters (cPhon5, schwarze Stichlinie) in Phonation bis zu +80 dB über den gesamten fo-Bereich auf, während die Musicalmap dieses Cluster nur gelegentlich an den Randbereichen in leiser Phonation bis +70 dB nutzt. Stattdessen singen die Musicalsängerinnen insgesamt über den gesamten Frequenzbereich um ca. +5 dB lauter (+85 dB–+107 dB) und nutzen dafür eine Phonation mit länge-rem/schnelleren Glottisschluss (cPhon1: firm; weisse Stichlinie).
Diskussion
Die Gruppenunterschiede der CPP-Mittelwerte in der Sprechstimme waren nicht signifikant und bestätigten die Sprechstimmgesundheit aller Sängerinnen. Hingegen zeichneten sich in den CPP-Mittelwerten der Singstimmen signifikante stilspezifische Gruppenunterschiede ab. Die höheren CPP-Werte im Gesang könnten sich durch die Amplitudendifferenzen erklären lassen [5]. Die Ergebnisse unterstützen die These, dass der CPP-Wert sensibel auf die Singstimme reagiert [6], [7].
Die signifikant höheren Werte in den akustischen, physiologischen und kombinierten Parametern der Singstimme in der Musicalgruppe sprechen für eine stilcharakteristische Anforderung mit mehr Phonationsstärke, längeren Schlussphasen sowie Obertonreichtum (bzgl. SB und HRFEGG). Wohingegen die Jazzgruppe eine weichere, behauchtere und leisere Phonation, bei schwächeren hohen Teiltönen und häufigerer Registervariation erfordert. Während der Musicalgesang eine höhere mechanische Belastung aufweist, welche nicht zwangsläufig als schädlich zu erachten ist, kann die im Jazz stilistisch intendierte Behauchtheit die differentialdiagnostische Abgrenzung zu pathologischer Behauchtheit erschweren. Weiterführende stilspezifische Untersuchungen mit dysphonischen Sängerinnen wären daher sinnvoll.
Die vergleichbaren Ergebnisse beider Gruppen bezüglich CPP, DSI und EASE-Ergebnisse unterstützen allerdings die Annahme, dass unterschiedliche stilintendierte Stimmqualitäten sich zunächst nicht auf die Sprechstimmqualität auswirken. Da beide Gruppen Stimmbelastungssymptome in vergleichbarem Ausmaß beschreiben, sollte klinisch ein Stimmproblem nicht allein in Abhängigkeit vom Stil bewertet werden, sondern die individuelle Betrachtung nach bekannten ICF-Faktoren berücksichtigen.
Schlussfolgerung
Jazz- und Musicalsängerinnen zeigen messbare Unterschiede der intendierten Phonationsstrategien in der Singstimme, jedoch keine Auffälligkeiten der Sprechstimme. Jazzgesang kann anhand dieses Datensets klinisch weder als pathologisch bzgl. der Behauchtheit, noch als pauschal stimmschonender eingeordnet werden. Die Ergebnisse sprechen für kombinierte stilsensible Beurteilungskriterien bzgl. Gesangstechnik, klangästhetischer Anforderung, Belastungsindikatoren sowie ICF-Faktoren.
Literatur
[1] Fisher J, Kayes G, Popeil L. Pedagogy of different sung genres. In: Welch GF, Howard DM, Nix J, editors. The Oxford handbook of singing. Oxford: Oxford University Press; 2014. p. 707-28. DOI: 10.1093/oxfordhb/9780199660773.013.005[2] McLean J. Flexibility in range and registration in jazz singing. Voice Speech Rev. 2024;18(1):6-17. DOI: 10.1080/23268263.2022.2054093
[3] Ternström S, Johansson D, Selamtzis A. FonaDyn - a system for real-time analysis of the electroglottogram, over the voice range. SoftwareX. 2018;7:74-80. DOI: 10.1016/j.softx.2018.03.002.
[4] Phyland DJ, Pallant JF, Benninger MS, Thibeault SL, Greenwood KM, Smith JA, Vallance N. Development and preliminary validation of the EASE: a tool to measure perceived singing voice function. J Voice. 2013 Jul;27(4):454-62. DOI: 10.1016/j.jvoice.2013.01.019
[5] Phadke KV, Laukkanen AM, Ilomäki I, Kankare E, Geneid A, Švec JG. Cepstral and Perceptual Investigations in Female Teachers With Functionally Healthy Voice. J Voice. 2020 May;34(3):485.e33-485.e43. DOI: 10.1016/j.jvoice.2018.09.010
[6] Baker CP, Sundberg J, Purdy SC, Rakena TO, Leão SHS. CPPS and Voice-Source Parameters: Objective Analysis of the Singing Voice. J Voice. 2024 May;38(3):549-60. DOI: 10.1016/j.jvoice.2021.12.010
[7] Mendes AP, Nunes N, Ibrahim S, Coelho AC, Francisco MA. Cepstral Measures in the Fado Voice: Gender, Age and Phonatory Tasks. J Voice. 2023 Jan;37(1):9-16. DOI: 10.1016/j.jvoice.2020.09.010



