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28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Audiologie e. V.
04.-06.03.2026
Oldenburg

Meeting Abstract

Auswirkungen der Bandbreite von Sprachcodecs auf die Sprachverständlichkeitsschwelle (SRT) im telefonbasierten automatisierten Oldenburger Satztest

Tobias Bruns - Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT, Persönliche Hörsysteme, Oldenburg, Deutschland

Text

Epidemiologische Erhebungen des Hörverlusts sind notwendig für die Beurteilung des Versorgungsbedarfs der Bevölkerung; darüber hinaus dient das Hörscreening der Prävention. Die Erfassung solch umfangreicher Daten ist im Labor schwer realisierbar und kostenintensiv. Hier hat sich für eine erste Einschätzung die Methode des Zahlen-Triplett-Tests per Telefon bewährt [1]. Das Telefon ist universell nutzbar, und der Test lässt sich als geschlossener Test durchführen. Weiterentwicklungen der automatischen Spracherkennung ermöglichen zudem einen offenen automatisierten Oldenburger Satztest per Telefon [2] für eine präzisere und ökologisch validere Erfassung der Sprachverständlichkeitsschwelle (SRT).

Bisherige Untersuchungen zeigen, dass die Ergebnisse von Schwerhörigen sich nur geringfügig von Labormessungen unterscheiden, wohingegen sich die Schwellen von Normalhörigen im Mittel um ca. 1,5 dB gegenüber den Laborbedingungen verschlechtern. In diesen Messungen wurden jedoch Sprachcodecs mit einer Bandbreite von 300 Hz bis 3.400 Hz (G.711) verwendet. Moderne Kommunikationssysteme nutzen zunehmend Codecs mit einer erweiterten Frequenzbandbreite bis 7 kHz (G.722). Bisher konnte nicht nachgewiesen werden, ob dieser Effekt maßgeblich durch die Bandbreite der Testsignale oder durch andere akustische/technische Faktoren bedingt ist. In dieser Studie wird geprüft, ob Unterschiede in der SRT bei Normalhörigen signifikant durch die Bandbreite der verwendeten Sprachcodecs erklärt werden können.

In einem Messwiederholungsdesign werden vier Konditionen untersucht: Laborreferenz mit voller Bandbreite über hochwertige geschlossene Kopfhörer, Simulation der Bandbegrenzung auf 3,4 kHz (G.711), VoIP-Verbindung mit G.722-Breitband-Codec und VoIP-Verbindung mit G.711-Bandbegrenzung. Gemessen wird jeweils die SRT für einen offenen Oldenburger Satztest – im Labor mit menschlichem Versuchsleiter sowie per Telefon mit automatisierter, sprachgesteuerter Messung. Die Messung erfolgt im stationären Störsignal bei adaptiven Störgeräuschpegeln.

Für den Breitband-Codec (G.722) sind geringe SRT-Unterschiede zur Laborsituation zu erwarten, während Codecs mit geringerer Bandbreite (G.711) bei Normalhörenden zu höheren SRT-Werten führen, da wichtige auditorische Hinweise verloren gehen. Bei Personen insbesondere mit Hochton-Hörverlust stehen diese Frequenzbereiche hingegen nicht mehr zur Verfügung. Somit ermöglichen automatisierte offene Sprachtests per Telefonnetz präzise Messungen der Sprachverständlichkeit, sofern Codecs mit einer Bandbreite mit 7 kHz oder höher eingesetzt werden.


Literatur

[1] Smits C, Kapteyn TS, Houtgast T. Development and validation of an automatic speech-in-noise screening test by telephone. Int J Audiol. 2004 Jan;43(1):15-28. DOI: 10.1080/14992020400050004
[2] Bruns T, Ooster J, Stennes M, Rennies J. Automated Speech Audiometry for Integrated Voice Over Internet Protocol Communication Services. Am J Audiol. 2022 Sep 21;31(3S):980-992. DOI: 10.1044/2022_AJA-21-00217