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28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.

Deutsche Gesellschaft für Audiologie e. V.
04.-06.03.2026
Oldenburg

Meeting Abstract

Von der Primarstufe bis zur Hochschule: Einflussfaktoren auf den Bildungserfolg aus der Perspektive Studierender mit Taubheit/Hörbehinderung

Kirsten Ludwig - Ludwig-Maximilians-Universität München, Lehrstuhl für Sonderpädagogik – Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation einschließlich inklusiver Pädagogik, München, Deutschland
Stefanie Fiocchetta - Ludwig-Maximilians-Universität München, Lehrstuhl für Sonderpädagogik – Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation einschließlich inklusiver Pädagogik, München, Deutschland

Text

Studierende mit Taubheit/Hörbehinderung (T/H) stellen mit 1,1% [1] die kleinste Gruppe Studierender mit Behinderung dar. Welche Faktoren im Bildungsweg von der Primarstufe bis zur Hochschule den Bildungserfolg begünstigen oder behindern, wurde bisher nicht empirisch untersucht. An diesem Forschungsdesiderat setzt die vorliegende Untersuchung an.

Fragestellungen: Welche Faktoren tragen aus Sicht Studierender mit T/H im Verlauf ihres Bildungswegs von der Primarstufe bis zum Studium zum Bildungserfolg bei?

Welche Faktoren stellen aus ihrer Perspektive Herausforderungen für den Bildungserfolg dar?

Methoden: Die Studie folgte einem partizipativen Forschungsansatz. Mittels leitfadengestützter Interviews wurden N = 24 Studierende mit T/H zu ihren Erfahrungen und Einschätzungen hinsichtlich ihres Bildungswegs befragt. Die Auswertung erfolgte mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring [2].

Ergebnisse: Zu den Gelingensfaktoren über den gesamten Bildungsweg gehörten primär gute Hör- und Verstehensbedingungen, deren Sicherstellung maßgeblich von der Informiertheit und Sensibilisierung der Lehrpersonen abhängig war. Diese Aufgaben wurden zunächst durch Mobile Dienste (MD) und Sorgeberechtigte übernommen. Mit zunehmendem Alter zeigte sich bei den Lernenden ein wachsendes Bedürfnis nach Empowerment (z.B. durch Kenntnisse über eigene Rechte), was zu einer stärkeren Übernahme von Verantwortung führte. Weitere Faktoren umfassten eine kontinuierliche häusliche Lernunterstützung, die Gewährung eines Nachteilsausgleichs (NTA), der Austausch mit Peers mit T/H sowie personale Ressourcen wie Zielstrebigkeit, Fleiß und Durchhaltevermögen.

Zentrale Herausforderungen ergaben sich aus Wissens- und Sensibilitätsdefiziten seitens der Lehrenden, die wiederholte Aufklärung erforderlich machten, teils in Situationen mit hoher sozialer Sichtbarkeit. Dies führte zu Frustration und Scham und begünstigte Vermeidungsstrategien, insbesondere während der frühen Adoleszenz. In dieser Phase wurde beispielsweise das Tragen individueller Hörhilfen oder die Unterstützung durch den MD in der Schule abgelehnt. Weitere Faktoren betrafen ungünstige raumakustische Bedingungen, veraltete technische Ausstattung sowie hohen organisatorischen Aufwand bis zur Bewilligung eines NTA.

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse unterstreichen die zentrale Bedeutung niederschwelliger und fachspezifischer Beratungs- und Unterstützungsangebote sowohl für Lernende mit T/H als auch für deren Umfeld. Solche Angebote sollten flexibel auf die spezifischen Anforderungen der jeweiligen Bildungsabschnitte abgestimmt sein, unterschiedliche Themenfelder abdecken (z.B. Sensibilisierung, Hörtechnik, NTA) und die individuellen Ressourcen der Lernenden im Sinne von Empowerment gezielt stärken. Die Einrichtung einer digitalen Plattform, die Informationen zu Rechten, Unterstützungs- und Beratungsstrukturen bündelt, könnte ein Ansatz sein, um den Informationszugang für Lernende und Lehrende zu vereinfachen.


Literatur

[1] Steinkühler J, Beuße M, Kroher M, Gerdes F, Schwabe U, Koopmann J, Becker K, Völk D, Schommer T, Ehrhardt MC, Isleib S, Buchholz S. Die Studierendenbefragung in DE: best3. Studieren mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung. Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW); 2023.
[2] Mayring P. Einführung in die qualitative Sozialforschung: Eine Anleitung zu qualitativem Denken. 7., überarb. Aufl. Beltz; 2023.