28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
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DiaLog – Dialogisches Bilderbuchbetrachten als elternzentrierte Intervention bei Kindern mit Hörstörung. Protokoll einer randomisiert-kontrollierten Interventionsstudie
Text
Hintergrund: Auch nach Einführung des Neugeborenenhörscreenings und einer hörtechnischen Frühversorgung von Kindern mit permanenten peripheren Hörstörungen besteht weiterhin eine große Heterogenität in deren Sprachentwicklungsverläufen. Unter anderen Faktoren wurden Qualität und Quantität des elterlichen Sprachinputs als wesentlich identifiziert [1]. Daher sollen gemäß internationalen (u.a. WHO) und nationalen Empfehlungen [2] Interventionsprogramme für Kinder mit Hörstörung schwerpunktmäßig Eltern und Familien unterstützen und coachen, qualitativ hochwertige Dialoge und Sprache im Alltag anzubieten. Insbesondere intensives dialogisches, interaktives Buchbetrachten führt zu Verbesserung sprachlicher Leistungen [2]. Die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) geförderte Studie DiaLog geht daher folgender Fragestellung nach: Ist eine elternzentrierte, sprachtherapeutische Intervention zum dialogischen Bilderbuchbetrachten (DiaLog-Programm) für Kinder mit Hörstörung mindestens genauso wirksam wie eine kindzentrierte Standard-Sprach-Einzeltherapie?
Methode: Eine blockrandomisierte kontrollierte Interventionsstudie mit zwei parallelen Gruppen vergleicht die Effektivität des DiaLog-Programms (hybride Kurzintervention mit Elterncoaching in 4x Gruppen-, kombiniert mit 3x Einzelintervention mit Videofeedback) mit einer wöchentlichen kindzentrierten Standard-Sprach-Einzeltherapie über jeweils 3 Monate. Probanden sind mindestens 128 Kinder im Alter von 2;6–5;2 Jahren mit permanenter peripherer, beidseitiger Hörstörung (mit Hörgerät oder Cochlea Implantat versorgt) mit Sprachentwicklungsstörung und einem Elternteil. Zur Evaluation erfolgen Testungen und Videoaufnahmen der Eltern-Kind-Interaktion vor Interventionsbeginn (T0), nach 3 Monaten (T1) und nach weiteren 6 Monaten (T2), in denen für beide Gruppen bei weiterem Bedarf Standard-Sprach-Einzeltherapie erfolgt. Primäre Zielvariable ist die kindliche Wortvielfalt in der Spontansprache, sekundäre Zielvariablen sind weitere kindliche Sprachleistungen, die Art der elterlichen Anwendung von Sprach-Lern-Strategien (low & high level [3]) in der Interaktion mit dem Kind und die Akzeptanz der beiden Interventionsformen; zudem erfolgt eine gesundheitsökonomische Evaluation.
Ergebnisse: Derzeit befindet sich die Studie in der Rekrutierungs- und Interventionsphase (9/2025 bis 5/2028) und schließt Kinder ein, die in NRW und Niedersachsen u.a. durch Fördereinrichtungen für Hören und Kommunikation, CI-Centren, pädakustische, phoniatrisch-pädaudiologische und logopädische Einrichtungen rekrutiert werden. Erste Beobachtungen zum DiaLog-Programm sind sehr vielversprechend.
Schlussfolgerungen: Die DiaLog-Studie leistet einen Beitrag zur Implementierung von S3-Leitlinienempfehlungen [2]. Der geforderte Paradigmenwechsel zu mehr Einbezug von elternzentrierter Sprachtherapie bei Kindern mit Hörstörungen wird umgesetzt.
Förderung: G-BA-Innovationsfond, Förderkennzeichen 01VSF24041, Förderzeitraum 5/2025–8/2028
Literatur
[1] Holzinger D, Dall M, Sanduvete-Chaves S, Saldaña D, Chacón-Moscoso S, Fellinger J. The Impact of Family Environment on Language Development of Children With Cochlear Implants: A Systematic Review and Meta-Analysis. Ear Hear. 2020 Sep/Oct;41(5):1077-1091. DOI: 10.1097/AUD.0000000000000852[2] Neumann K et al. Therapie von Sprachentwicklungsstörungen. Interdisziplinäre S3-Leitlinie, AWMF-Registernr. 049-015. AWMF; 2022. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/049-015
[3] Cruz I, Quittner AL, Marker C, DesJardin JL; CDaCI Investigative Team. Identification of effective strategies to promote language in deaf children with cochlear implants. Child Dev. 2013 Mar-Apr;84(2):543-59. DOI: 10.1111/j.1467-8624.2012.01863.x



