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Jahrestagung der Vereinigung Westdeutscher Hals-Nasen-Ohren-Ärzte 2026

Vereinigung Westdeutscher Hals-Nasen-Ohren-Ärzte
27.-28.02.2026
Dortmund

Meeting Abstract

Fehlende Awareness zentraler Risikofaktoren bei Kopf-Hals-Karzinomen

Theresa Obermüller - Klinikum Dortmund, Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Dortmund, Deutschland; Charité - Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde CBF, Berlin, Deutschland
Sarah Volpe - Universitätsmedizin Mannheim, Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie, Mannheim, Deutschland
Benedikt Kramer - Universitätsmedizin Mannheim, Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie, Mannheim, Deutschland

Text

Einleitung: Plattenepithelkarzinome des Kopf-Hals-Bereichs sind mit multiplen Risikofaktoren assoziiert. Die Inzidenz von High-Risk Humane Papillomaviren (HPV)-assoziierten HNSCC nimmt im Gegensatz zu den klassisch durch Tabak- und Alkoholkonsum vermittelten Tumoren in den westlichen Industrienationen stetig zu. Awareness für Erkrankungen beinhaltet sowohl das Wissen über die Krankheit als auch über frühe klinische Symptome und maßgebliche Risikofaktoren. Eine Awareness für HNSCC und adäquates Risikoverständnis ist daher essenziell für eine effektive Primär- und Tertiärprävention und wird möglicherweise in der klinischen Praxis überschätzt. Ziel dieser Studie ist es, das Wissen über zentrale HNSCC-Risiken in unterschiedlichen Patientengruppen systematisch zu erfassen.

Methoden: Die Studie erfolgte als bizentrische Fragebogenstudie. Insgesamt wurden 354 Fragebögen in die finale Analyse eingeschlossen. Es erfolgte eine Einteilung verschiedener Kohorten basierend auf gesicherten HNSCC (139/354), Verdacht auf HNSCC (49/354) und einer gesunden Kontrollgruppe (166/354). Erfasst wurden unter anderem demografische Parameter und das Wissen über HNSCC und HNSCC-Risikofaktoren. Statistische Analysen erfolgten mittels Chi2- und t-Tests.

Ergebnisse: Die allgemeine Awareness für HNSCC betrug 70,3%. Die Risikofaktoren von HNSCC, Zigarettenkonsum, Alkoholkonsum und HPV, wurden von 63,3%, 39,5% und 17,8% der Befragten korrekt identifiziert. Lediglich 10,7 % konnte alle drei Faktoren richtig zuordnen. Zwischen den drei untersuchten Gruppen bestanden keine signifikanten Unterschiede im Risikobewusstsein, auch nicht bei bereits diagnostizierten HNSCC-Patient:innen. Ein höherer Bildungsgrad war der einzige unabhängige Prädiktor für ein besseres Risikoverständnis. Die HPV-bezogene Awareness war besonders gering: 63 % war die Existenz einer HPV-Impfung nicht bewusst, und nur 10,5 % der Befragten bzw. ihrer Kinder waren geimpft. Der häufigste genannte Grund für eine fehlende Impfung war mangelnde Information, nicht etwa eine Ablehnung oder Skepsis gegenüber einer Impfung.

Diskussion: Die Studie belegt substanzielle und gruppenübergreifende Defizite in der Awareness der drei zentralen HNSCC-Risikofaktoren, insbesondere hinsichtlich Alkoholkonsum und HPV. Weder bereits sicher diagnostizierte HNSCC-Patient:innen noch Patient:innen mit dem Verdacht auf ein HNSCC verfügen nicht über ein erweitertes Risikoverständnis, was auf unzureichende Vermittlung relevanter Informationen im klinischen Alltag hindeutet. Insbesondere die geringe Wahrnehmung von Alkohol und HPV als Risikofaktoren markiert ein wesentliches Hindernis für eine wirksame Prävention. Daraus ergibt sich ein dringender Bedarf an strukturierten, zielgruppenspezifischen und evidenzbasierten Aufklärungsstrategien, die sowohl in der Primärversorgung als auch im Kontext der Tumornachsorge verankert werden sollten. Eine verbesserte Risikokommunikation könnte maßgeblich zur Reduktion vermeidbarer HNSCC-Erkrankungen beitragen.