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Jahrestagung der Vereinigung Westdeutscher Hals-Nasen-Ohren-Ärzte 2026

Vereinigung Westdeutscher Hals-Nasen-Ohren-Ärzte
27.-28.02.2026
Dortmund

Meeting Abstract

Vestibuläre Kompensation – Messmethoden, Interpretation und Bewertung

Justus Ilgner - Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Aachen, Aachen, Deutschland
Ariane Renson - Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Aachen, Aachen, Deutschland
Markus Wirth - Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Phoniatrie und Pädaudiologie, Universitätsklinikum Aachen, Aachen, Deutschland

Text

Einleitung: Die vestibuläre Kompensation ist definiert als Ausgleich einer persistierenden Minderfunktion des gesamten oder von Teilen eines Vestibularorgans durch Re-Kalibrierung der Sensordaten auf Ebene des Hirnstamms oder der höheren zentralen Ebenen. Die Dauer bis zur vollständigen Kompensation nach einer vestibulären Schädigung ist unter anderem vom Lebensalter der Patienten und der körperlichen Aktivität im Alltag beziehungsweise in Trainingssituationen abhängig. Zum Assessment des Erfüllungsgrads der Kompensation sind die Literaturangaben uneinheitlich.

Methoden: Zur Feststellung des Kompensationsgrades stehen unterschiedliche Messverfahren zur Verfügung, die sich zum Teil mit den bekannten diagnostischen Methoden zur Ursachenabklärung von Schwindelerkrankungen decken: Neben der Anamnese ist zur standardisierten Verlaufsbeobachtung ein Frageninventar, z.B. das Dizziness Handicap Inventory (DHI) hilfreich. Zu den apparativen Untersuchungsmöglichkeiten zählen unter anderem die kalorische Labyrinthprüfung, der videogestützte Kopfimpulstest (vKIT), die subjektive Vertikale (SVV) sowie Drehstuhluntersuchungen, insbesondere der perrotatorische Nystagmus oder der Sinuspendeltest. Zur Differentialdiagnostik gegenüber propriozeptiven oder visuellen Defiziten liefert der sensorische Organisationstest (SOT) weitere Hinweise.

Ergebnisse: In der Literatur wird der Stellenwert der verschiedenen Untersuchungsverfahren unterschiedlich bewertet. Die S2-Leitlinie „Vestibuläre Funktionsstörungen“ der AWMF (2021) empfiehlt an einer Stelle die Betrachtung der SVV und den Verlauf der Scorewerte aus dem DHI zur Beurteilung der Kompensation heranzuziehen, an anderer Stelle die rotatorische Prüfung unter videookulografischer Aufzeichnung. Unbestritten ist der Wert der Frühmobilisation nach akuter Labyrinthschädigung, oder, falls dies wegen Sturzgefahr noch nicht möglich ist, Kopfbewegungen mit koordinierter Blickfolge durchführen zu lassen. Physiotherapeutisch werden zahlreiche unterschiedliche Protokolle angewandt. Zusätzlich stehen mittlerweile digitale Gesundheitsanwendungen (diGa) als Apps zur Eigenbehandlung zur Verfügung. Oft übersehen wird bei älteren Patienten die Notwendigkeit eines isometrischen Krafttrainings vor allem der unteren Extremitäten, um die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Kompensationstraining zu schaffen. Für die Fahreignung existieren derzeit keine spezifischen Kriterien, unter denen eine vestibuläre Kompensation als ausreichend für das Führen eines Kfz angesehen wird.

Diskussion: Die vestibuläre Kompensation ist im Verlauf messbar und förderbar. Herausforderungen bestehen vor allem in der Ursachenabklärung einer ausbleibenden oder unvollständigen Kompensation bei gleichzeitig persistierenden Schwindelbeschwerden.