Logo

Viszeralmedizin NRW 2026. 192. Jahrestagung der Niederrheinisch-Westfälischen Gesellschaft für Chirurgie, 34. Jahrestagung der Gesellschaft für Gastroenterologie


18.-19.06.2026
Dortmund

Meeting Abstract

Organische Motilitätsstörung oder psychosomatische Fehleinordnung? Diagnostische Herausforderungen bei Achalasie

C. Fuchs - Evangelisches Klinikum Köln, Klinik für funktionelle OGI Chirurgie, Köln, Deutschland
P. Franz - Wissenschaftlicher Beirat Achalasie-Selbsthilfe e.V., Köln, Deutschland
H. J. Hermanns - Achalasie-Selbsthilfe e.V., 1. Vorsitzender, Köln, Deutschland

Text

Hintergrund und Ziel: Die Achalasie ist eine seltene Motilitätsstörung des Ösophagus, deren Diagnosestellung häufig verzögert erfolgt und die mit erheblicher somatischer und psychosozialer Belastung einhergeht. Neben Dysphagie, Regurgitation und retrosternalen Schmerzen gewinnen psychosomatische Aspekte im diagnostischen Prozess zunehmend an Bedeutung. Der PHQ-15 des PHQ-D, ursprünglich zur Erfassung somatischer Beschwerden im Rahmen der Diagnostik somatoformer Störungen entwickelt (Manual nach Bernd Löwe et al.), quantifiziert unspezifische körperliche Symptome standardisiert. Ziel der Studie war es, die Eignung des PHQ-15 und des PHQ-Stressmoduls für die Basis- und Begleitdiagnostik bei Achalasie zu prüfen und praxisrelevante Implikationen abzuleiten.

Methode: Im Juli 2025 wurden 850 Mitglieder der Achalasie-Selbsthilfe e.V. eingeladen; 346 Betroffene nahmen teil (61% Frauen). Die Teilnehmenden zeigten eine hohe somatische Symptomlast mit einem mittleren PHQ-15-Wert von 10,0 Punkten. Besonders ausgeprägt waren Müdigkeit, Schlafstörungen und Brustschmerzen. Unspezifische Allgemeinsymptome sollten daher nicht vorschnell als psychisch bedingt eingeordnet, sondern differenzialdiagnostisch im Kontext einer möglichen Achalasie betrachtet werden.

Ergebnis: Es zeigten sich deutliche Geschlechtsunterschiede: Frauen berichteten höhere Symptomschwere (Ø 11,4 vs. 7,9) sowie stärkere psychosoziale Belastungen und längere Zeiträume bis zur Diagnosestellung. Die höchste mittlere bis schwere Symptomlast fand sich bei den 56- bis 65-Jährigen. Im PHQ-Stressmodul wurden insbesondere Gesundheitssorgen, Arbeitsbelastung sowie Aspekte von Gewicht und Aussehen als relevante Stressoren benannt. Trotz chronischer Erkrankung berichteten 76% lediglich minimale bis milde psychosoziale Belastungen, was auf eine ausgeprägte Resilienz hinweist.

Zusammenfassung: Die durchschnittliche Zeitspanne von über fünf Jahren zwischen Symptombeginn und Diagnosestellung unterstreicht die Notwendigkeit einer frühzeitigen, strukturierten Anamnese einschließlich standardisierter Symptom- und Belastungserfassung. Die Ergebnisse zeigen, dass psychosomatische Symptome bei Achalasie klinisch relevant sind und den Krankheitsverlauf beeinflussen können, ohne die organische Genese zu relativieren. Der ergänzende Einsatz standardisierter Instrumente kann helfen, Symptomlast, psychosoziale Faktoren und geschlechtsspezifische Unterschiede systematisch zu erfassen, Fehleinschätzungen zu vermeiden und die Zeit bis zur Diagnosestellung zu verkürzen.