75. Tagung der Vereinigung Norddeutscher Augenärzte
75. Tagung der Vereinigung Norddeutscher Augenärzte
Der 2. Purkinje-Reflex – eine Zeitreise
Text
Woher wir kommen
Bei der Erstbeschreibung der Spiegelreflexe im Auge durch Jan Evangelista Purkinje im Jahre 1823 blieb der 2. Purkinje-Reflex noch unentdeckt – er war zu lichtschwach. Fast ein Jahrhundert später, in der Blütezeit der physiologischen Optik, nutzte Allvar Gullstrand das 2. Purkinjebild zur Beschreibung der refraktiven Eigenschaften der hinteren Hornhautfläche, an der er generiert wird. Wegen seiner geringen Helligkeit brauchte er dazu allerdings eine starke, definierte Lichtquelle. Dies führte letztlich zur Entwicklung der „ophthalmometrischen Spaltlampe“ im Jahr 1911.
Wo wir stehen
Die Spaltlampe wurde bald und wird bis heute ausschließlich als Instrument zur Biomikroskopie des Auges genutzt, der Gedanke der Analyse der Purkinjebilder ging verloren. Ausnahme blieb die von Alfred Vogt in der Erstauflage seines berühmten Spaltlampenatlas 1921 vorgestellte Endothelmikroskopie der Hornhaut – letztlich die Betrachtung des Spiegelbezirkes des 2. Purkinje-Reflexes. Bis heute ist diese damalige Präzision der Bilddokumentation des Hornhautendothels kaum zu erreichende Referenz biomikroskopischer Meisterschaft an der Spaltlampe. Heute wird die Endothelzelldichte mit einem eigenen Gerät bestimmt. Hornhauttomographen wiederum können einen Keratokonus wesentlich früher entdecken, als dies mit der Spaltlampe möglich ist. Schließlich sind operative Verfahren wie die DMEK und die Lasikbehandlung der Hornhaut hinzugekommen, die kaum biomikroskopisch sichtbare Spuren hinterlassen. Kann die Untersuchungstechnik an der Spaltlampe erweitert werden, um auch solche Neuerungen unseres Faches zu erfassen?
Wohin wir gehen
Die Analyse des 2. Purkinje-Reflexes bietet hier Möglichkeiten. Allerdings ist es erforderlich, diesen besser sichtbar zu machen. Das gelingt durch eine andere (externe) Beleuchtung, z.B. ein Ophthalmoskop, welches in circa 30 cm vom untersuchten Auge in etwa 45° zu dessen Blickrichtung und auf dessen Höhe gehalten wird. Der 2. Purkinje-Reflex wird nun am Normalauge distinkt vom 1. Purkinje-Reflex als separater Lichtpunkt erkennbar. Kommt er etwa bei einer Cornea guttata aufgrund der minderen optischen Eigenschaften der Hornhautinnenfläche gar nicht zustande, wird er am selben Auge nach gelungener DMEK sichtbar. Der frühe Keratokonus zeigt sich zunächst in Formveränderungen der Hornhautrückfläche im Sinne einer Verkippung gegen die Hornhautvorderfläche. Die führt mit zunehmendem Keratokonus zu einer Verlagerung des 2. Purkinjebildes nach unten (Tick-Test) – deutlich vor den klassischen biomikroskopischen Zeichen. Nach einer Lasik vergrößert sich der Krümmungsradius der Hornhautvorderfläche bei unveränderter Rückfläche. Dadurch rücken das 1. und 2. Purkinjebild weiter auseinander – wiederum bei biomikroskopisch ansonsten unauffälliger Hornhaut.



