Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)
Fallbericht Kleinkind 18 Monate nach erfolgreicher beidseitiger Replantation der unteren Extremitäten
Text
Zielsetzung und Fragestellung: Wir berichten über einen der selten publizierten Fälle einer erfolgreichen bilateralen Replantation der unteren Extremitäten im Kleinkindalter sowie über die bislang längste beschriebene Ischämiezeit infolge verzögerter Bergung der Amputate. Eine 4-jährige Patientin wurde am 22.05.2024 nach Überfahren durch einen Zug am Berliner Hauptbahnhof im Rahmen eines erweiterten Suizids der Mutter in unseren Schockraum eingeliefert. Die Mutter verstarb am Unfallort. Es bestanden traumatische Amputationen beider Beine: links auf Höhe des distalen Femurs, rechts auf Höhe des proximalen Unterschenkels mit zusätzlicher floating knee Verletzung rechts. Ersthelfer applizierten Gürtel als Tourniquets. Die Patientin wurde im hämorrhagischen Schock vorgestellt; die Amputate trafen erst über eine Stunde nach verzögerter Bergung ein. Nach strukturiertem Schockraummanagement mit Massivtransfusion (EK/FFP) und Ausschluss stammnaher Verletzungen erfolgte die Indikationsstellung zur Replantation. Zur Minimierung des Reperfusionssyndroms wurde der Eingriff unter intraoperativer Hämodialyse durchgeführt. Es erfolgte die bilaterale Makroreplantation mit Osteosynthese mittels K-Drähten, Transfixation beider Extremitäten sowie interdisziplinärer Gefäßrekonstruktion. Die temporäre Weichteildeckung erfolgte mittels Epigard. In täglichen Re-Look-Operationen und Debridements wurden ab dem 4. posttraumatischen Tag schrittweise Nerven- und Sehnenrekonstruktionen vorgenommen. Die empirische antiinfektive Prophylaxe mit Piperacillin/Tazobactam und Voriconazol wurde wiederholt resistenzgerecht angepasst. Eine invasive Mukormykose des rechten Unterschenkels erforderte eine Segmentresektion der Tibia sowie eine intensivierte systemische und lokale antimykotische Therapie. Nach Stabilisierung der Weichteilverhältnisse erfolgte beidseits die Vakuumtherapie. Sämtliche ossären Strukturen konnten gedeckt werden; die definitive Weichteildeckung wurde etwa 11 Wochen posttraumatisch abgeschlossen. Nach abgeschlossener Wundheilung wurde die Patientin am 02.09.2025 in die neurologische Rehabilitation verlegt. Metallentfernungen erfolgten stufenweise nach radiologisch gesicherter Konsolidierung, die letzte Implantatentfernung 6 Monate posttraumatisch. Die Mobilisierung wurde orthesengestützt aufgebaut. Parallel erfolgten kinderpsychiatrische Mitbetreuung und erfolgreiche Vermittlung in eine Pflegefamilie. Zwölf Monate nach Replantation zeigte sich eine progrediente Valgusfehlstellung beidseits, rechts infolge einer Synostose des proximalen Tibiofibulargelenks, links bei Verdacht auf vorzeitigen Fugenschluss des distalen Femurs. Nach 13 Monaten wurde die Synostose rechts reseziert. Im weiteren Wachstum zeigte sich eine partielle spontane Korrektur des Valgus beidseits. Aktuell ist die Patientin selbstständig mobil bei regelmäßiger physiotherapeutischer Anbindung. Es bestehen aktive Beweglichkeit der Füße und Zehen sowie eine Regeneration der Sensibilität beider unteren Extremitäten.



