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Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie 2026 (DKOU 2026)

Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU), Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC), Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU)
20.-23.10.2026
Berlin

Meeting Abstract

Internationale Klassifikation von Low Back Pain ICLBP: Zwei systematische Reviews als Grundlage eines mehrphasigen Konsensprojekts der ESSOMM

Stephan Vinzelberg - Sana Klinikum Lichtenberg, Berlin, Deutschland

Text

Zielsetzung und Fragestellung: Low Back Pain (LBP) ist weltweit führende Ursache für „years lived with disability“. Dennoch werden rund 80% der Fälle als „nicht-spezifisch“ klassifiziert. Dies wirft die Frage auf, ob weniger ein Mangel an validierten Klassifikationsdimensionen besteht, sondern vielmehr eine fehlende strukturelle Integration. Ziel dieser methodischen Konzeptarbeit war es, dominante Klassifikationsparadigmen systematisch zu identifizieren und zu analysieren, ob bestehende multidimensionale Ansätze eine hierarchische diagnostische Integration ätiologischer, mechanistischer, klinischer und psychosozialer Ebenen erlauben.

Material und Methoden: Es wurden zwei strukturierte Literaturanalysen im PRISMA-orientierten Design durchgeführt. Review 1 (PubMed, 1995–2025) untersuchte Klassifikations- und Stratifizierungssysteme für LBP. Von 1.120 identifizierten Publikationen erfüllten 61 die Einschlusskriterien.Review 2 (MEDLINE, Scopus, Cochrane Library, Dialnet) analysierte multidimensionale und taxonomische Ansätze; 25 Kernpublikationen wurden nach Deduplikation und Screening eingeschlossen. Eingeschlossen wurden Humanstudien mit Fokus auf Klassifikation, Subgruppierung oder Stratifizierung. Arbeiten zu isolierten Pathologien, chirurgischen Klassifikationen oder reinen Risikofaktoren wurden ausgeschlossen. Die Datenextraktion umfasste konzeptionelle Grundlage, diagnostische Dimensionen, strukturelle Organisation und klinische Anwendbarkeit. Es erfolgte eine qualitative thematische Synthese ohne Meta-Analyse.

Ergebnisse: Identifiziert wurden 7 dominante Paradigmen: ätiologisch-radiologische, mechanismenbasierte, klinisch-untersuchungsbasierte, therapieorientierte, psychosoziale Stratifizierungssysteme, multidimensionale Taxonomien sowie datengetriebene Ansätze. Obwohl inhaltlich valide Dimensionen vorhanden sind, werden Ätiologie, Neurophysiologie, segmentale Biomechanik, klinisches Erscheinungsbild und psychosozialer Einfluss überwiegend parallel und nicht sequenziell organisiert. Aus der integrativen Synthese wurde ein 4stufiges hierarchisches Arbeitsmodell abgeleitet: Level 1: Dominante pathobiologische Domäne (z.B. nociceptiv, neuropathisch, noziplastisch), Level 2: Interagierende pathophysiologische und funktionelle Mechanismen (z.B. Sensibilisierung, segmentale Dysfunktion, Motorkontrolle, Propriozeption, myofasziale Faktoren), Level 3: Klinische Präsentation (Schmerzverteilung, neurologische Zeichen, Bewegungspräferenz), Level 4: Funktioneller und psychosozialer Impact (Behinderung, Fear-Avoidance, Lebensstil, Partizipation). Die Analyse zeigt: Multidimensionalität ersetzt keine hierarchische Struktur.

Diskussion und Schlussfolgerung: Die Persistenz des Begriffs „nicht-spezifischer“ Rückenschmerz könnte weniger Ausdruck diagnostischer Unschärfe als vielmehr struktureller Fragmentierung bestehender Klassifikationssysteme sein. Das vorgestellte Vier-Level-Modell stellt eine hypothesengenerierende Integrationsarchitektur dar und bildet die Basis für eine geplante Delphi-basierte internationale Konsensphase sowie nachfolgende Validierungsstudien.