Logo

42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)

Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e. V.
16.-19.09.2026
Starnberg

Vortrag

Kontextabhängige Wortsegmentierung bei monolingual deutschlernenden Säuglingen: Eine EEG-Studie zur sprachübergreifenden Verarbeitung von Deutsch und Französisch

A. Unger - Universität Potsdam, Department Linguistik, Potsdam, Deutschland
B. Höhle - Universität Potsdam, Department Linguistik, Potsdam, Deutschland
C. Männel - Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Audiologie und Phoniatrie, Berlin, Deutschland; Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig, Deutschland

Zusammenfassung

Hintergrund: Das Erkennen von Wörtern im Sprachstrom ist ein zentraler Spracherwerbsschritt im ersten Lebensjahr. Säuglinge nutzen hierfür Hinweise im Sprachinput, wie statistische Häufigkeiten und prosodische Betonungsmuster. Aufgrund der prosodischen Eigenschaften des Deutschen verwenden deutschlernende Säuglinge vor allem Wortbetonungen als Hinweise auf Wortgrenzen, während die Segmentierung im Französischen stärker auf statistischen Informationen basiert, da eindeutige prosodische Hinweise auf Wortgrenzen fehlen. Bisher ist unerforscht, inwieweit monolinguale Säuglinge ihre muttersprachlich geprägten Segmentierungsstrategien flexibel an prosodisch abweichende Fremdsprachen anpassen können. Die vorliegende Studie untersucht daher die sprachübergreifende Wortsegmentierung bei monolingual deutschlernenden Säuglingen in ihrer Muttersprache und der Fremdsprache Französisch.

Material und Methode: In einer EEG-Studie wurden 40 monolingual deutschlernende Säuglinge im Alter von 9 Monaten in einem Familiarisierung-Test-Paradigma untersucht. Für beide Sprachen (Reihenfolge kontrolliert) wurden Textpassagen mit Zielwörtern präsentiert, gefolgt von einer Testphase mit zuvor gehörten und neuen Wörtern. Im EEG wurde ein Familiaritätseffekt (frontozentral, 200–500 ms nach Wortbeginn) als Beleg einer vorherigen Wortsegmentierung geprüft, definiert als stärkere Negativierung für familiarisierte gegenüber nicht familiarisierten Wörtern.

Ergebnisse: Für beide Sprachen zeigte sich ein signifikanter Familiaritätseffekt. Dieser war jedoch abhängig von der Präsentationsreihenfolge: Wurde Französisch zuerst präsentiert, trat der Effekt für beide Sprachen auf; wurde hingegen Deutsch zuerst präsentiert, zeigte sich nur ein Effekt für Deutsch, aber nicht für Französisch.

Schlussfolgerung: Die Ergebnisse zeigen, dass monolingual deutschlernende Säuglinge ihre Segmentierungsstrategien sprachübergreifend flexibel einsetzen und Wörter auch in einer prosodisch von ihrer Muttersprache abweichenden Fremdsprache segmentieren. Diese Flexibilität scheint jedoch durch muttersprachliche Erfahrung und den unmittelbaren Verarbeitungskontext moduliert zu werden. Die Befunde verdeutlichen die dynamische Natur frühkindlicher Sprachverarbeitung und die Rolle sprachspezifischer Erfahrungen in der Verarbeitung unbekannter Sprachen.

Text

Hintergrund

Das Erkennen von Wörtern im Sprachstrom (Wortsegmentierung) stellt eine zentrale Voraussetzung für den frühen Wortschatzerwerb dar. Bereits im ersten Lebensjahr beginnen Säuglinge, wiederkehrende Wortformen aus dem Sprachstrom zu extrahieren und nutzen hierfür verschiedene Hinweisreize im Sprachinput [1], [2]. Hierzu zählen insbesondere prosodische Betonungsmuster und statistische Regelmäßigkeiten zwischen aufeinanderfolgenden Silben [2], [3].

Welche Hinweisreize zur Wortsegmentierung herangezogen werden, hängt wesentlich von den Eigenschaften der jeweiligen Sprache ab. Im Deutschen liefern regelmäßige Wortbetonungen zuverlässige Hinweise auf Wortgrenzen, so dass deutschlernende Säuglinge überwiegend prosodische Informationen zur Wortsegmentierung nutzen [4], [5]. Im Französischen fehlen dagegen eindeutige prosodische Hinweise auf Wortgrenzen, sodass Säuglinge sich bei der Wortsegmentierung vor allem auf statistische Informationen zwischen benachbarten Silben stützen [6]. Bisher ist jedoch unerforscht, inwieweit monolinguale Säuglinge ihre muttersprachlich geprägten Segmentierungsstrategien flexibel an prosodisch abweichende Fremdsprachen anpassen können. Die vorliegende Studie untersucht daher die sprachübergreifende Wortsegmentierung bei monolingual deutschlernenden Säuglingen in ihrer Muttersprache und der Fremdsprache Französisch.

Material und Methoden

In einer EEG-Studie wurden 40 monolingual deutschlernende Säuglinge im Alter von 9 Monaten in einem Familiarisierung-Test-Paradigma in der Muttersprache Deutsch und der prosodisch kontrastierenden Fremdsprache Französisch untersucht. Die Reihenfolge der Sprachpräsentation (Deutsch-Französisch bzw. Französisch-Deutsch) wurde zwischen den Teilnehmenden ausbalanciert.

Für beide Sprachen wurden zunächst Textpassagen präsentiert, in denen zweisilbige Zielwörter wiederholt in mehreren Sätzen vorkamen. Anschließend folgte eine Testphase mit einzeln präsentierten zuvor gehörten (familiarisierten) und neuen Wörtern. Zur Überprüfung einer erfolgreichen Wortsegmentierung wurden ereigniskorrelierte Potenziale (EKPs) in einem Zeitfenster von 200–500 ms nach Wortbeginn ausgewertet. Ein Familiaritätseffekt, definiert als stärkere Negativierung der EKPs für familiarisierte gegenüber nicht familiarisierten Wörtern, wurde als Hinweis auf eine erfolgreiche Wortsegmentierung interpretiert. Die statistische Auswertung erfolgte mittels linearer gemischter Modelle.

Ergebnisse

Für beide Sprachen zeigte sich ein signifikanter Familiaritätseffekt (p < 0,001) in Form einer stärkeren fronto-zentralen Negativierung für familiarisierte gegenüber nicht familiarisierten Wörtern. Dieser Effekt wurde jedoch durch die Präsentationsreihenfolge der Sprachen moduliert (p = 0,002): Wurde Französisch zuerst präsentiert, trat der Effekt für beide Sprachen auf. Wurde hingegen Deutsch zuerst präsentiert, zeigte sich der Effekt ausschließlich für die deutschen Stimuli (p < 0,001), nicht jedoch für die anschließend präsentierten französischen Stimuli (p = 0,444).

Diskussion und Fazit

Die Ergebnisse zeigen, dass monolingual deutschlernende Säuglinge Wörter nicht nur in ihrer Muttersprache, sondern auch in einer prosodisch abweichenden Fremdsprache segmentieren können. Dies spricht für einen sprachübergreifend flexiblen Einsatz ihrer Segmentierungsstrategien und legt nahe, dass deutschlernende Säuglinge neben prosodischen auch statistische Hinweisreize zur Wortsegmentierung nutzen können.

Gleichzeitig verdeutlicht der Einfluss der Präsentationsreihenfolge, dass diese Flexibilität nicht uneingeschränkt gegeben ist. Erfolgte die Verarbeitung des Deutschen vor dem Französischen, blieb ein Familiaritätseffekt für die französischen Stimuli aus. Eine mögliche Erklärung für dieses asymmetrische Befundmuster ist, dass die zuvor etablierte Verarbeitungsstrategie die Segmentierung der nachfolgenden Sprache beeinflusste. In der vorliegenden Studie könnte eine auf statistischen Hinweisreizen beruhende Segmentierungsstrategie sowohl das Französische als auch das nachfolgende Deutsche unterstützt haben, während eine zunächst aktivierte prosodische Segmentierungsstrategie zwar für das Deutsche, nicht jedoch für das Französische geeignet gewesen sein könnte. Die Gewichtung unterschiedlicher Segmentierungshinweise scheint demnach nicht ausschließlich von den Eigenschaften des sprachlichen Inputs abzuhängen, sondern auch durch muttersprachliche Erfahrung und den unmittelbar vorausgehenden Verarbeitungskontext beeinflusst zu werden.

Die Befunde erweitern bisherige Erkenntnisse zur sprachübergreifenden Wortsegmentierung und verdeutlichen die dynamische Natur frühkindlicher Sprachverarbeitung, bei der sowohl die muttersprachliche Erfahrung als auch der unmittelbare Verarbeitungskontext die Nutzung verfügbarer Segmentierungshinweise beeinflussen.


Literatur

[1] Jusczyk PW, Aslin RN. Infants' detection of the sound patterns of words in fluent speech. Cogn Psychol. 1995 Aug;29(1):1-23. DOI: 10.1006/cogp.1995.1010
[2] Jusczyk PW, Houston DM, Newsome M. The beginnings of word segmentation in english-learning infants. Cogn Psychol. 1999 Nov-Dec;39(3-4):159-207. DOI: 10.1006/cogp.1999.0716
[3] Thiessen ED, Saffran JR. When cues collide: use of stress and statistical cues to word boundaries by 7- to 9-month-old infants. Dev Psychol. 2003 Jul;39(4):706-16. DOI: 10.1037/0012-1649.39.4.706
[4] Höhle B, Weissenborn J. German-learning infants' ability to detect unstressed closed-class elements in continuous speech. Dev Sci. 2003;6(2):122-7.
[5] Männel C, Friederici AD. Accentuate or repeat? Brain signatures of developmental periods in infant word recognition. Cortex. 2013;49(10):2788-98.
[6] Nazzi T, Mersad K, Sundara M, Iakimova G, Polka L. Early word segmentation in infants acquiring Parisian French: task-dependent and dialect-specific aspects. J Child Lang. 2014;41(3):600-33.