42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
Frühe funktionelle Rehabilitation nach Zungenrekonstruktion ohne Lappenplastik: Polylactid-Membran als minimalinvasive Alternative
Zusammenfassung
Hintergrund: Die funktionelle Rekonstruktion der Zunge nach tumorchirurgischer Resektion bleibt eine Herausforderung, da etablierte Verfahren wie Lappenplastiken zwar Defekte decken, jedoch häufig mit erhöhter Morbidität und verzögerter funktioneller Erholung einhergehen. Vor diesem Hintergrund gewinnen minimalinvasive Ansätze zur Defektdeckung zunehmend an Bedeutung. Ziel dieser Studie war die Evaluation der frühen funktionellen Ergebnisse nach Anwendung einer resorbierbaren Polylactid-Membran.
Material und Methode: In einer prospektiven Fallserie wurden 7 Patienten mit lateralen Zungendefekten nach Tumorresektion eingeschlossen. Die Defektdeckung erfolgte intraoperativ mittels Suprathel® 250 im Off-Label-Use. Postoperativ wurden Wundheilung, Schmerz (VAS), Analgetikabedarf sowie funktionelle Parameter (orale Nahrungsaufnahme, Artikulation, Zungenbeweglichkeit) über einen Zeitraum von 5 Tagen systematisch erfasst.
Ergebnisse: Es traten keine postoperativen Infektionen, Nachblutungen oder Membranverluste auf. In 3 Fällen war aufgrund einer non-in-sano-Resektion eine Nachresektion mit erneuter Membranapplikation erforderlich. Alle Patienten konnten frühzeitig oralisiert werden und zeigten bereits am 5. postoperativen Tag eine gut verständliche Artikulation bei weitgehend erhaltener Zungenmobilität. Der postoperative Schmerz war gering und erforderte lediglich orale Analgetika.
Schlussfolgerung: Die vorliegenden Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Defektdeckung mit einer resorbierbaren Polylactid-Membran eine funktionell effektive und zugleich wenig invasive Alternative zur konventionellen Rekonstruktion darstellen kann. Ein möglicher Wirkmechanismus ist die hydrolytische Degradation zu Laktat, die – wie aus der Verbrennungschirurgie bekannt – mit einer Modulation des lokalen Wundmilieus und einer Förderung regenerativer Prozesse assoziiert ist.
Der beobachtete frühe funktionelle Erhalt von Artikulation und oraler Nahrungsaufnahme ist klinisch relevant und könnte zu einer Reduktion von Morbidität und stationärer Verweildauer beitragen. In Zeiten der Ressourcenknappheit in der stationären Patientenversorgung sind die reduzierten OP-Zeiten und die Senkung der operativen Morbidität mit deutlich verkürzten Liegezeiten wesentliche Parameter.
Limitationen bestehen in der kleinen Fallzahl und dem Fehlen einer Kontrollgruppe. Weitere Studien sind erforderlich und in Planung.
Text
Hintergrund
Die Regenerative Medizin spielt eine vielversprechende Rolle bei der Entwicklung und Etablierung neuer Therapieoptionen mit dem Ziel, die Lebensqualität der Patienten nachhaltig zu verbessern. Die Defektdeckung nach Tumorresektionen im oberen Aerodigestivtrakt ist chirurgisch komplex und erfordert in Abhängigkeit der Defektgröße eine Defektdeckung mit mikrovaskulären Haut-Muskellappen. Diese Eingriffe sind mit erhöhter Morbidität und deutlich verlängertem stationärem Krankenhausaufenthalt verbunden. Insbesondere vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ressourcenknappheit in der stationären Patientenversorgung stellen die komplexen chirurgischen Verfahren eine zunehmende Herausforderung dar. Zungenteilresektionen stellen eine besondere Herausforderung dar, da die Zunge neben den sensorischen Funktionen durch die komplexe intrinsische und extrinsische Muskulatur eine wesentliche Funktion beim Schlucken und Sprechen hat. Die Zungenrekonstruktion nach tumorchirurgischer Resektion mit etablierten Verfahren wie Lappenplastiken geht häufig mit einer verzögerten funktionellen Erholung einher. Vor diesem Hintergrund gewinnen minimalinvasive Ansätze zur Defektdeckung zunehmend an Bedeutung. Ziel dieser Studie war die Evaluation der frühen funktionellen Ergebnisse nach Anwendung einer resorbierbaren Polylactid-Membran.
Material und Methoden
In einer prospektiven Fallserie wurden 7 Patienten mit lateralen Zungendefekten nach Tumorresektion eingeschlossen. Nach tumorchirurgischer Resektion in ITN erfolgte die Defektdeckung intraoperativ mittels Suprathel® 250 als Off-Label-Use. Suprathel® 250 wurde mittels Vicryl 3-0 Nahtmaterial im Bereich der Defektränder fixiert. Postoperativ wurden die Patienten für 5 Tage stationär überwacht mit täglicher Erfassung der Wundheilung, der Schmerzsymptomatik mittels visueller Analogskala (VAS), des Analgetikabedarfs sowie funktioneller Parameter (orale Nahrungsaufnahme, Artikulation, Zungenbeweglichkeit). Am 5. postoperativen Tag erfolgte die Beurteilung der Zungenbeweglichkeit und der Artikulation mittels Vorlesen des standardisierten Textes „Der Nordwind“ mit digitaler Dokumentation.
Bei Suprathel® handelt es sich um eine biologisch abbaubare Membran, die für den alloplastischen Hautersatz zur Behandlung von dermalen Wunden in der EU seit 2004 zugelassen ist. Suprathel® 250 ist im chemischen Aufbau und in der Struktur analog dem Suprathel®. Auch das klinische Einsatzgebiet ist analog dem Suprathel®. Der einzige Unterschied ist die Querschnittsdicke der Membran. Suprathel® hat eine Dicke von 80–120 µm versus einer Querschnittsdicke von 170–230 µm beim Suprathel® 250.
Bei Suprathel® handelt es sich um eine interkonnektierende Membranstruktur nach dem Strukturvorbild der menschlichen Haut auf der Basis von Polymilchsäure mit hoher Elastizität und Flexibilität. Das Material wird vollständig hydrolytisch zu Laktat bzw. Milchsäure abgebaut und inert im Rahmen des Zitronensäurezyklus metabolisch abgebaut.
Ergebnisse
Suprathel® 250 zeigte im enoralen Milieu eine ausreichende chemische, enzymatische und bakterielle Stabilität. Alle Patienten waren postoperativ mit weichen Konsistenzen voll oralisiert. Postoperativ traten bei keinem Patienten Infektionen, Nachblutungen oder Membranverluste auf. Bei keinem Patienten war eine Tracheotomie zur Sicherung der Atemwege notwendig. In 3 Fällen war aufgrund einer non-in-sano-Resektion eine Nachresektion mit erneuter Defektabdeckung mittels Suprathel® 250 erforderlich. Im Rahmen der täglichen lokalen Wundinspektion zeigte sich eine beginnende Degradation des Suprathel® 250 zwischen dem 3. und 5. postoperativen Tag. Bei allen Patienten war das polymere Implantatmaterial am 14. postoperativen Tag vollständig degradiert, und es zeigte sich eine gute Granulationsgewebsbildung im Bereich der tumorchirurgischen Defektzone. Alle Patienten zeigten am 5. postoperativen Tag eine gut verständliche Artikulation bei weitgehend erhaltener Zungenmobilität. Der postoperative Schmerz war relativ gering. Die Analgesie war bei allen Patienten mit Ibuprofen-Saft (400/600 mg) und Paracetamol (500 mg) ausreichend.
Diskussion
Die Verbesserung der Lebensqualität von Patienten mit Malignomen im oberen Aerodigestivtrakt gewinnt zunehmend an Bedeutung in der onkologischen Therapie. Zungenranddefekte nach tumorchirurgischer Resektion haben einen signifikanten Einfluss auf die Lebensqualität, da die Zunge eine wesentliche Funktion beim Schlucken und Sprechen hat. Bei der operativen Zungenrekonstruktion ist der bestmögliche Erhalt der Zungenbeweglichkeit ein wesentlicher Parameter. Die vorliegenden Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Defektdeckung mit einer resorbierbaren Polylactid-Membran eine funktionell effektive und zugleich wenig invasive Alternative zur konventionellen Rekonstruktion mittels Haut-Muskellappen darstellen könnte. Ein möglicher Wirkmechanismus ist die hydrolytische Degradation zu Laktat, die – wie aus der Verbrennungschirurgie bekannt – mit einer Modulation des lokalen Wundmilieus und einer Förderung regenerativer Prozesse assoziiert ist. Inwieweit die regenerativen Prozesse einen Einfluss auch auf das Nachblutungsrisiko haben, ist derzeit Gegenstand aktueller Untersuchungen. Der beobachtete frühe funktionelle Erhalt von Artikulation und oraler Nahrungsaufnahme ist klinisch relevant und könnte zu einer Reduktion von Morbidität und stationärer Verweildauer beitragen. In Zeiten der Ressourcenknappheit in der stationären Patientenversorgung sind die reduzierten OP-Zeiten und die Senkung der operativen Morbidität mit deutlich verkürzten Liegezeiten wesentliche Parameter.
Schlussfolgerungen
Limitationen bestehen in der kleinen Fallzahl und dem Fehlen einer Kontrollgruppe. Die hier vorgestellten ersten Ergebnisse zeigen den Einfluss der resorbierbaren Polylactid-Membran auf die Wundheilung bei kleinen und mittelgroßen Zungenranddefekten. Die Ergebnisse unterstreichen das Potenzial minimalinvasiver Ansätze zur funktionserhaltenden Rekonstruktion im Bereich der Zunge.
Die Schleimhautzulassung von Suprathel® 250 wird angestrebt. Eine umfangreichere Studie mit größerer Fallzahl ist derzeit in Planung.



