42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
42. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP)
Die Berücksichtigung von Geschlechteraspekten in der stimmtherapeutischen Forschung – ein Scoping Review
Zusammenfassung
Hintergrund: Für eine chancengerechte Gesundheitsversorgung sollten sowohl biologische als auch soziokulturelle Geschlechterunterschiede adäquat von Angehörigen aller Gesundheitsprofessionen in der Prävention, Diagnose, Therapie und Forschung berücksichtigt werden. In diesem Scoping Review liegt der Fokus auf der (logopädischen) Stimmtherapie. Ziel ist es zu untersuchen, inwieweit biologische und soziale Geschlechtsaspekte im gesamten klinischen Stimmrehabilitationsprozess berücksichtigt werden.
Methoden: Die Literaturrecherche wurde in den Datenbanken PubMed (Medline), CINAHL Ultimate und PSYNDEX auf der Grundlage der JBI-Methode für Scoping-Reviews durchgeführt. Die Einschlusskriterien waren: Veröffentlichung im Zeitraum zwischen 2022 und 2025, empirische Originalforschungsartikel, die stimmbezogene Ergebnisse im Kontext der Stimmtherapie untersuchten unter der Berücksichtigung von Geschlecht als analytischer Variable in den Ergebnissen oder mit einem weiteren Schwerpunkt; und keiner ausschließlichen Darstellung der demografischen Verteilung der Teilnehmenden. Der Auswahlprozess wurde durch zwei unabhängige Gutachterinnen durchgeführt.
Ergebnisse: Von insgesamt 2.234 gesichteten Abstracts erfüllten 99 Artikel die Einschlusskriterien. Von den einbezogenen Studien befassten sich die meisten Artikel mit biologischen Geschlechtsunterschieden (n=45, 45%), gefolgt von Artikeln zur Stimmanpassung bei trans* und genderdiversen Personen (n=31, 31%), darunter einige Studien, die untersuchten, wie die Stimme je nach Geschlecht des Sprechenden (n=10, 10%) wahrgenommen wird. Neun (9%) der 99 einbezogenen Studien konzentrierten sich ausschließlich auf die Therapie oder Stimmenanalyse entweder bei Cis-Frauen oder bei Cis-Männern.
Schlussfolgerung: Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Geschlecht in der stimmtherapeutischen Forschung durchaus berücksichtigt wird, jedoch mit dem Fokus auf der Stimmanpassung bei trans* und genderdiversen Menschen. Geschlechterunterschiede bei cis-weiblichen bzw. cis-männlichen Personen werden ebenfalls berücksichtigt, wenn auch in geringerem Maße. Um eine evidenzbasierte, personenzentrierte und adäquate Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, sollte Geschlecht in der stimmtherapeutischen Forschung systematisch im gesamten Forschungsprozess einbezogen werden und Berücksichtigung finden.
Text
Hintergrund
Internationale und nationale Studien weisen auf Geschlechterunterschiede hinsichtlich der Inzidenz, Prävalenz, Pathogenese, Diagnostik und Therapie von Erkrankungen hin, dennoch zeigt sich die Berücksichtigung von Geschlechteraspekten in der medizinischen Forschung nach wie vor als unzureichend [1], [2], [3], [4]. Dies besteht trotz der bereits vor zehn Jahren eingeführten SAGER (Sex and Gender Equity Research) Guideline, die Forschende auf die Nutzung von geschlechtersensibler Forschung hinweist [2]. Diese bezieht sich sowohl auf die biologische Dimension von Geschlecht (engl. Sex) als auch auf die soziokulturelle Dimension (engl. Gender), die nicht-binäre, sozial konstruierte Geschlechterrollen, Verhaltensweisen und Identitäten umfasst [1], [2], [5], [6].
Für eine chancengerechte Gesundheitsversorgung sollen sowohl das biologische als auch das soziokulturelle Geschlecht adäquat von Angehörigen aller Gesundheitsprofessionen, bspw. von Logopäd:innen/Sprachtherapeut:innen in der Prävention, Diagnostik, Therapie und Forschung berücksichtigt werden [3], [7]. In bisherigen Reviews aus der Logopädie und dem verwandten Bereich der Hals-Nasen-Ohren-Medizin konnte gezeigt werden, dass das Geschlecht die am häufigsten berichtete demografische Angabe von Proband:innen ist. Allerdings nehmen nur wenige Studien diese Variable in ihre Analyse mit auf [8], [9], [10]. Weiterhin lässt sich feststellen, dass die Begrifflichkeiten biologisches und soziokulturelles Geschlecht häufig nicht klar definiert werden [8]. In der stimmtherapeutischen Forschung, welche einen essenziellen Behandlungsbereich der Logopädie darstellt, existiert derzeit noch kein Review darüber, in welchem Ausmaß Geschlechterunterschiede in der Forschung berücksichtigt werden. Sowohl das biologische als auch soziokulturelle Geschlecht spielen in der Stimmtherapie eine große Rolle. Biologische Unterschiede umfassen unter anderem anatomische und hormonelle Merkmale, die sich in der Prävalenz bestimmter Stimmstörungsbilder sowie in akustischen und aerodynamischen Messwerten widerspiegeln. Sozio-kulturelle Aspekte sind insbesondere bei der Stimmanpassung bei Trans* und gender-diversen Personen von Bedeutung [11], [12].
Methodik
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um ein Scoping Review [13]. Dabei wurde sich an der Methode des Manuals des Joanna Briggs Instituts (JBI) zur Evidenzsynthese für Scoping Reviews orientiert [10].
Hierzu wurden die Datenbanken PubMed (Medline), CINAHL Ultimate und PSYNDEX verwendet. Die Literaturrecherche erfolgte iterativ und wurde über einen Zeitraum von fast zwei Jahren insgesamt viermal durchgeführt. Das Datum der ersten Recherche war der 14. Mai 2024, das Datum der letzten Recherche war der 10. Dezember 2025. Die Einschlusskriterien lauteten wie folgt: empirische Originalforschungsartikel in englischer, französischer oder deutscher Sprache mit Bezug zur Stimmtherapie, die zwischen Januar 2022 und Dezember 2025 veröffentlicht wurden. Dies reichte somit von Studien über Prävalenz über Prävention und Diagnostik bis hin zu therapeutischen Ansätzen und weiteren stimmbezogenen Ergebnissen, die für die Stimmtherapie relevant sind. Es gab keine Einschränkungen hinsichtlich der Altersgruppe. Die Variable Geschlecht musste entweder als analytische Variable berücksichtigt werden oder einen anderen Schwerpunkt haben, beispielsweise die ausschließliche Einbeziehung von Cis-Frauen, Cis-Männern oder trans* und genderdiversen Personen als Proband:innen. Dies musste in den Studien begründet sein. Das Berichten von Sex/Gender ausschließlich als demografische Variable war unzureichend. Einzelfallstudien, Mixed-Methods-Studien und qualitative Studien wurden ausgeschlossen. Artikel, die auf der Ebene des Titels und des Abstracts die Ausschlusskriterien nicht erfüllten, wurden in die Volltextanalyse einbezogen. Über die Eignung der Publikationen entschieden zwei Gutachterinnen sowohl auf der Ebene der Abstracts als auch auf der Ebene der Volltexte. Die beiden Gutachterinnen trafen ihre Entscheidungen unabhängig voneinander. Zur Sichtung der Studien wurde die webbasierte Software Rayyan verwendet, die eine kollaborative und verblindete Sichtung von Titeln und Abstracts ermöglicht [14].
Ergebnisse
Insgesamt wurden 1.910 Abstracts geprüft, davon wurden 183 Artikel in die Volltextanalyse inkludiert, 84 Artikel wurden ausgeschlossen. Von den 99 inkludierten Artikeln, wurde der Großteil im Journal of Voice veröffentlicht (n = 58, 59%). Von den 99 Studien, konnten 57 (58%) dem Studiendesign Cross-sectional Observational Study, 22 (22%) den Quasi-experimental Studies, neun (9%) den Experimental Studies und die restlichen elf Studien (11%) den Methodological/Validation, Modelling Studies oder Longitudinal Observational Study zugeordnet werden.
Bezüglich der Berücksichtigung von Geschlecht (Abbildung 1 [Abb. 1]) konnte gezeigt werden, dass der größte Teil der inkludierten Artikel biologische Geschlechterunterschiede (n=45) untersuchten oder den Fokus auf trans* und genderdiversen Menschen hatte bzw. diese Proband:innengruppe ausschließlich untersuchte (n=31). In (n = 47, 47%) der analysierten Studien wurden das biologische und soziokulturelle Geschlecht nicht klar definiert. Bezüglich der Variable des Stimmtherapieprozesses, zeigte sich eine Einteilung in 27 Diagnostikstudien (27%), 22 konnten thematisch der Stimmanpassung (22%) bei Trans* zugeordnet werden und 19 wurden der Basisforschung/Stimmanalyse (19%) zugeordnet. 13 Studien (13%) konnten zu Prävalenzstudien kategorisiert werden, elf (11%) zu Interventionsstudien und sieben (7%) wurden in die Kategorie Risikofaktoren und Prädiktoren eingeteilt.
Abbildung 1: Berücksichtigung von Geschlechteraspekten in n=99 inkludierten Studien
Diskussion
Die Ergebnisse zeigen, dass von 183 Volltexten 99 Studien in den Rahmen des Scoping Reviews einbezogen werden konnten, bei denen das Geschlecht im Stimmtherapieprozess berücksichtigt wurde. Somit legten 54% der Artikel einen Schwerpunkt auf Geschlechteraspekte, sei es zur Ermittlung von Geschlechterunterschieden, zur Analyse des Einflusses von Geschlecht als Parameter oder zur gezielten Betrachtung von Geschlecht (biologisch bzw. soziokulturell). Die Ergebnisse sind mit denen der vorhandenen Literatur vergleichbar. So zeigt eine Übersichtsarbeit von Millager et al., dass bei der Mehrheit der Studien die Variable Geschlecht zwar bei den soziodemo-graphischen Angaben abgefragt wird, aber nur wenige die Daten nach dem Geschlecht analysieren und somit weder in den Ergebnissen darstellen noch in die Diskussion mitaufnehmen [6], [8]. Dies zeigt sich auch in dem vorliegenden Scoping Review. Außerdem wurden in fast der Hälfte der einbezogenen Studien das biologische und soziokulturelle Geschlecht nicht korrekt definiert. Somit zeigt sich, dass trotz der bestehenden SAGER-Leitlinien, Forschende noch immer Unsicherheiten mit den Begrifflichkeiten aufweisen [2].
Fazit
Die Ergebnisse des Scoping Reviews zeigen, dass Geschlecht noch nicht systematisch in der Stimmtherapie-Forschung berücksichtigt wird. Um eine personenzentrierte, chancengerechte Gesundheitsversorgung in der Logopädie zu gewährleisten, müssen Geschlechteraspekte im Forschungsprozess der Stimmtherapie ausreichend Berücksichtigung finden.
Literatur
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