28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
Richtungshörperformanz bei Patient*innen mit bilateraler Cochlea-Implantat-Versorgung: klinische Bedeutung und subjektive Befunde
Text
Hintergrund: Räumliches Hören ist für Orientierung und Kommunikation im Alltag von zentraler Bedeutung. Bei bilateral mit Cochlea-Implantaten versorgten (biCI) Patient*innen bleibt das Richtungshören trotz technischer Fortschritte häufig eingeschränkt, da interaurale Zeit- und Pegeldifferenzen (ITD, ILD) von aktuellen CI-Systemen nur eingeschränkt übertragen werden. Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Studie systematisch die Richtungshörperformanz von biCI Patient*innen und analysiert, inwieweit diese mit Faktoren wie Versorgungsdauer und subjektive Selbsteinschätzung im Zusammenhang steht.
Methode: In dieser Studie wurde die Richtungshörperformanz mithilfe des erweiterten Kindertisch-Tests (ERKI) mit einem zweisilbigen Sprachstimulus („Halo“) untersucht. Die Instruktionsphase umfasste 13 Stimuli mit einer Winkelauflösung von 15°, gefolgt von der Hauptmessung mit 73 Stimuli und einer Winkelauflösung von 5°. Ergänzend wurde die subjektive Einschätzung der Richtungshörkompetenz mittels eines Fragebogens erhoben. Zudem erfolgte die seitengetrennte Bestimmung des Sprachverstehens mittels des Freiburger Einsilbertests (FBE) bei 65 dB SPL.
Ergebnisse: Insgesamt wurden 20 biCI Patient*innen (♀ = 14, ♂= 6) im mittleren Alter von 45,60 Jahren (SD = 19,74) untersucht. Die Patient*innen erzielten im FBE für die rechte (M = 71,25%, SD = 15.97) und die linke (M = 70,50%, SD = 23.67) Seite ähnliche Ergebnisse. Die durchschnittliche Richtungshörperformanz (Messpunkte im funktionalen Referenzbereich) der biCI Patient*innen lag mit 42,10% (SD = 12.01) unter den Referenzwerten der normalhörende Vergleichsgruppe (M = 84,00%, SD = 13.90). Es zeigte sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Richtungshörperformanz und der Versorgungsdauer der Patient*innen (p = 0.959; M = 8,38 Jahre, SD = 5.82). Ebenso ließ sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Richtungshörperformanz und der subjektiven Einschätzung im Richtungshörfragebogen feststellen (p = 0.973; M = 56,13%, SD = 15.74).
Diskussion: Die Studie bestätigt, dass biCI Patient*innen in ihrer Richtungshörperformanz deutlich eingeschränkt sind. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass weder die Versorgungsdauer noch die subjektive Einschätzung der Patient*innen mit der Richtungshörperformanz zusammenhängen. Aus klinischer Perspektive ergibt sich hieraus ein relevanter Nutzen: Bei Patient*innen mit niedriger Selbsteinschätzung kann eine ERKI-Messung helfen, das Vertrauen in die eigene Richtungshörleistung zu stärken, sofern die Ergebnisse besser ausfallen als angenommen. Außerdem kann eine Messung des ERKI sinnvoll sein, um eine Dysbalance zwischen der rechten und linken Seite aufzudecken und ggf. beheben zu können.



