28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
Vom elektrischen Input zum Sprachverstehen: Longitudinale CAEP-Befunde zur Entwicklung des Satzverstehens im ersten Jahr nach Cochlea-Implantation
Text
Einleitung. Die Entwicklung des Sprachverstehens nach Cochlea-Implantation ist ein komplexer Lernprozess, da der elektrische Input aufgrund technischer Einschränkungen nicht vollständig mit den im mentalen Lexikon gespeicherten Repräsentationen übereinstimmt. Dennoch sind im ersten Jahr nach Erstaktivierung häufig rasche Lernfortschritte erkennbar, die sich in audiometrischen und neuronalen Maßen widerspiegeln. In der vorliegenden Studie wird dieser Prozess mithilfe kortikaler auditiver evozierter Potentiale (CAEP) untersucht, mit einem Fokus auf dem Verstehen von Sätzen.
Methoden. Bisher nahmen 28 postlingual ertaubte Erwachsene mit einseitiger CI-Versorgung teil (Alter: 65 J; PTA4 Gegenseite: 72 dB). Gemessen wurde (1) vier Wochen nach Erstaktivierung und (2) nach einem Jahr. Das Satzverstehen wurde anhand des N400-Effekts erfasst. Die letzten Wörter der Sätze waren (A) korrekt, (B) semantisch inkorrekt oder (C) korrekt, aber im Satzkontext unwahrscheinlich. Das EEG wurde mit 32 Elektroden abgeleitet, ausgewertet wurden nur korrekt klassifizierte Sätze. Zusätzlich wurden 18 normalhörende Kontrollpersonen gemessen (Alter: 63 J; PTA4: 17 dB).
Ergebnisse. Die Kontrollgruppe zeigte den erwarteten N400-Effekt zwischen korrekten, wahrscheinlichen Satzenden und semantisch inkorrekten Endungen (A vs. B). Dieser Effekt war in der CI-Gruppe bereits vier Wochen nach Erstaktivierung erkennbar, zeigte jedoch zu beiden Messzeitpunkten eine verlängerte Dauer. Auch für den Vergleich zwischen wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen korrekten Satzenden (A vs. C) zeigte sich in beiden Gruppen ein N400-Effekt, mit erneut längerer Effektdauer in der CI-Gruppe. Beim Vergleich von inkorrekten und unwahrscheinlichen korrekten Endungen (B vs. C) zeigte die Kontrollgruppe eine Tendenz zur Signifikanz (p < .06). In der CI-Gruppe trat dieser Unterschied erst nach einem Jahr und mit höherer Latenz auf.
Schlussfolgerung. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Entwicklungen des Satzverstehens im ersten Jahr nach CI-Versorgung objektiv erfassen lassen. Bereits nach vier Wochen können CI-Träger einfache Sätze semantisch interpretieren. Dass sie zu diesem Zeitpunkt semantisch inkorrekte und korrekte, aber unwahrscheinliche Satzenden noch nicht unterscheiden, deutet darauf hin, dass das System anfänglich stark auf semantische Erwartungen zurückgreift und erst im Verlauf der Nutzung zunehmend differenziert verarbeitet. Die höheren Latenzen und verlängerten Effekte nach einem Jahr zeigen jedoch, dass die Verarbeitungsgeschwindigkeit normalhörender Personen noch nicht erreicht ist und das Sprachverstehen für CI-Träger mit erhöhtem kognitivem Aufwand verbunden bleibt.



