28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
Automatisierte Real-Ear-Messungen (Auto-REM): Vergleich von Auto-REM an unterschiedlichen Messanlagen und Abweichung zur originalen Berechnungsformel NAL-NL2
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Fragestellung: Die manuelle In-Situ-Methode (REM) ermöglicht eine präzise Hörgeräteanpassung, da sie die individuelle Gehörgangsverstärkung berücksichtigt und sich somit Zielkurven wie NAL-NL2 zuverlässig überprüfen lassen. Allerdings ist sie zeitintensiv und aufwendig. Auto-REM bietet hier eine schnellere, automatisierte Alternative. Unklar ist jedoch, ob Auto-REM die audiologische Präzision etablierter Verfahren erreicht und wie verlässlich die Ergebnisse unter realen Messbedingungen sind. Ziel dieser Untersuchung war daher (1) die Bewertung der Zielgenauigkeit automatisierter Anpassungen im Vergleich zur originalen NAL-NL-2-Berechnung und (2) die Analyse systemabhängiger Unterschiede zwischen zwei Messanlagen.
Methoden: An einem standardisierten Kunstkopf wurden vier Hörgerätemodelle verschiedener Hersteller mit zwei kalibrierten Messsystemen (Aurical, Affinity) untersucht. Für jedes Hörgerät wurden fünf Auto-REM-Anpassungen pro Messsystem durchgeführt. Der verwendete Hörverlust entsprach dem standardisierten N2-Audiogramm gemäß DIN-EN-60118-15. Die Auto-REM-Ergebnisse wurden nach Seitenzusammenführung als Real-Ear-Aided-Gain (REAG) ausgelesen und mit einer unabhängig im NAL-NL2-Experimenter berechneten NAL-NL2-Zielkurve verglichen, die auf gemittelten REUR-Messungen und den entsprechenden N2-Hörschwellen basiert. Zusätzlich wurden die REAG-Daten der beiden Messsysteme direkt miteinander verglichen, um systemabhängige Unterschiede zu identifizieren. Die statistische Auswertung umfasste Shapiro-Wilk-Tests zur Normalverteilungsprüfung sowie t-Tests bzw. Wilcoxon-Tests. Ein ±5-dB-Toleranzbereich diente als audiologischer Referenzrahmen.
Ergebnisse: Die Mehrheit der Messungen lag innerhalb des ±5-dB-Toleranzbereichs, insbesondere im mittleren Frequenzbereich. Jedoch traten deutliche Zielabweichungen zur NAL-NL2-Kurve bei hohen Frequenzen (> 3 kHz) sowie bei 80 dB SPL auf. Die Wiederholungsmessungen zeigten zudem eine hohe Reproduzierbarkeit innerhalb der Hersteller, jedoch traten dabei systematische Über- bzw. Unterverstärkungen auf, die deutlich von der NAL-NL2-Zielkurve abwichen. Zudem zeigten sich signifikante systemabhängige Unterschiede: Während einige Hersteller auf der Aurical höhere Verstärkungswerte lieferten, zeigten andere auf der Affinity höhere Werte. Diese Differenzen erreichten teils mehr als 5 dB und waren somit audiologisch relevant.
Schlussfolgerungen: Auto-REM ist ein effizientes Verfahren zur schnellen Hörgeräteanpassung und zeigt grundsätzlich eine gute Annäherung an die NAL-NL2-Zielkurve. Dennoch bestehen relevante Abweichungen in kritischen Frequenzbereichen sowie systemabhängige Differenzen zwischen Messanlagen. Eine abschließende manuelle REM-Verifikation bleibt daher essenziell, um Über- oder Unterverstärkungen zu vermeiden. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit einer standardisierten Auto-REM-Implementierung und weiterer unabhängiger Validierungsstudien.
Literatur
[1] Denys S, Latzel M, Francart T, Wouters J. A preliminary investigation into hearing aid fitting based on automated real-ear measurements integrated in the fitting software: test-retest reliability, matching accuracy and perceptual outcomes. Int J Audiol. 2019 Mar;58(3):132-140. DOI: 10.1080/14992027.2018.1543958.[2] Jindal J, Hawkins AM, Murray M. Practice guidance: Guidance on the verification of hearing devices using probe microphone measurements. British society of Audiology; 2018.
[3] Keidser G, Dillon H, Flax M, Ching T, Brewer S. The NAL-NL2 Prescription Procedure. Audiol Res. 2011 Mar 23;1(1):e24. DOI: 10.4081/audiores.2011.e24



