28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e. V.
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Eltern- und familienzentriertes Arbeiten – Einblicke in aktuelle Anforderungen an Fachkräfte in der Hörfrühförderung, Therapie und Rehabilitation von Kindern mit Hörschädigung
Text
Die Sicht auf Eltern, die Familie und ihre Rolle im Frühinterventionsprozess hat sich in den letzten drei Dekaden zunehmend verändert. So stellt „familienzentriertes Arbeiten“ seit mehr als 25 Jahren das zentrale Paradigma der Frühintervention dar, unabhängig von der zugrundeliegenden Behinderung oder Grunderkrankung eines Kindes. Dabei steht im Vordergrund die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung und -Interaktion als Basis für alles Lernen. Dieser Grundgedanke der Stärkung im Umgang mit dem Kind, auch als Empowerment bezeichnet, erkennt individuelle Ressourcen der Familie und die natürlichen Fähigkeiten der Eltern an und unterstützt, diese zu nutzen. Die Orientierung am Alltag und am Leben der Familie stellt dabei den Kontext der Frühintervention dar [1].
Für Kinder mit Hörschädigung belegen mittlerweile viele Studien, dass auch für sie ein familienzentriertes Vorgehen von Anfang an besonders wirksam ist. Es wird daher national und international empfohlen [1], [2], [3]. Im Vortrag wird ein Überblick zum Forschungsstand zu evidenzbasierten Interventionsprogrammen und daraus abgeleiteten Leitlinienempfehlungen gegeben [2]. Dabei ist das Elterncoaching zur Verbesserung der Eltern-Kind-Interaktion und die Stärkung von elterlicher Responsivität und günstiger sprachlicher Anregung im Alltag sehr bedeutsam. Der Einsatz von Videofeedback wird als besonders wirksame Interventionsmethode empfohlen [1], [2].
Familienzentriertes Arbeiten soll nicht auf die therapeutisch-pädagogische Intervention beschränkt sein. Eine partnerschaftliche Haltung aller Professionen im Frühinterventionsteam wird empfohlen. In Beratungen sollen Informationen sachlich, neutral (möglichst vorurteilsfrei) und umfassend vermittelt werden als Basis für selbstbestimmte elterliche Entscheidungsfindungen. Dafür benötigen Fachkräfte der Frühintervention Wissen über den aktuellen Forschungsstand zum Spracherwerb von Kindern mit Hörschädigung (lautsprachlich, gebärdensprachlich, Gebärden gestützt) und zur frühen Hör-, Spiel- und Kommunikationsentwicklung als Basis für Sprachentwicklung allgemein. Auch die Begleitung der Eltern in der Auseinandersetzung mit der Behinderung ihres Kindes, seiner Identitätsentwicklung als auch die Notwendigkeit von Austausch mit anderen betroffenen Familien ist erforderlich [3].
Der einführende Vortrag des Tutorials vermittelt Erkenntnisse zum aktuellen Forschungsstand und zur praktischen Umsetzung eines familienzentrierten Vorgehens. Die weiteren Beiträge des Tutorials ergänzen und vertiefen diese Einführung aus dem Blickwinkel von Eltern selbst und von Experten im Feld der Frühintervention.
Literatur
[1] Sarimski K, Hintermair M, Lang M. Familienorientierte Frühförderung von Kindern mit Behinderung. 2. akt. Aufl. München: Ernst Reinhardt Verlag; 2021.[2] Neumann K et al. Therapie von Sprachentwicklungsstörungen. Interdisziplinäre S3-Leitlinie, AWMF-Registernr. 049-015. AWMF; 2022. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/049-015
[3] Moeller MP, Gale E, Szarkowski A, Smith T, Birdsey BC, Moodie STF, Carr G, Stredler-Brown A, Yoshinaga-Itano C; FCEI-DHH International Consensus Panel; Holzinger D. Family-Centered Early Intervention Deaf/Hard of Hearing (FCEI-DHH): Introduction. J Deaf Stud Deaf Educ. 2024 Feb 29;29(SI):SI3-SI7. DOI: 10.1093/deafed/enad035



