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27. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie und Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft Deutschsprachiger Audiologen, Neurootologen und Otologen

Deutsche Gesellschaft für Audiologie e. V. und ADANO
19.-21.03.2025
Göttingen


Meeting Abstract

Verändert sich nach der CI-Versorgung die cross-modale Modulation von kortikalen Antworten?

Pascale Sandmann 1,2,3
Moritz Wächtler 4
Verena Müller 5
Martin Walger 4,5
Ruth Lang-Roth 5
Anna Weglage 5
1Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohrenklinik Oldenburg, Audiologie, Oldenburg, Deutschland
2Exzellenzcluster Hearing4All, Universität Oldenburg, Oldenburg, Deutschland
3Forschungszentrum Neurosensorik, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Oldenburg, Deutschland
4Universität zu Köln, Jean-Uhrmacher-Institut für klinische HNO-Forschung, Köln, Deutschland
5Universitätsklinikum Köln, Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Köln, Deutschland

Text

Hintergrund: Postlingual ertaubte Patienten zeigen nach der CI-Versorgung im Vergleich zu Normalhörenden funktionale Veränderungen nicht nur im auditorischen und im visuellen Kortex, sondern auch in der audio-visuellen Interaktion [1]. Aktuell ist jedoch wenig über den zeitlichen Verlauf der kortikalen Veränderungen und deren spezifische Auswirkungen auf die audio-visuelle Interaktion in Sprachbedingungen bekannt. Deshalb wurde eine prospektive Längsschnittstudie mit Elektroenzephalographie (EEG) durchgeführt, um den cross-modalen Einfluss auf die kortikale auditorische und visuelle Sprachverarbeitung an unterschiedlichen Zeitpunkten nach der CI-Versorgung (fünf Wochen und 6 Monate) zu untersuchen.

Methoden: Postlingual ertaubte CI-Patienten und Normalhörende (jeweils N=16) führten an zwei Messzeitpunkten eine Worterkennungsaufgabe in auditorischen, visuellen und audio-visuellen Bedingungen aus. Die Lippenbewegungen zu den zweisilbigen Wörtern waren mit einem Artikulationsmodell visualisiert (MASSY) [2]. Die Probanden wurden instruiert, ihre Aufmerksamkeit entweder auf die Lippenbewegung (visuell attendiert) oder auf den auditorischen Input (auditorisch attendiert) zu richten. Dies ermöglichte, die kortikale audio-visuelle Sprachverarbeitung zwischen visuell und auditorisch attendierten Bedingungen zu vergleichen. Die späten kortikal evozierten Potenziale (N1-Komponente im Zeitbereich 100 ms nach Stimulus-Beginn) wurden zwischen den Gruppen, Bedingungen und Messzeitpunkten verglichen.

Ergebnisse: In Übereinstimmung mit früheren Studien waren bei CI-Patienten im Vergleich zu Normalhörenden die auditorisch evozierten Potenziale grundsätzlich reduziert und verzögert. Ein Gruppenunterschied zeigte sich auch hinsichtlich der visuellen Modulation der auditorischen Antwort. Der Vergleich zwischen den zwei Messzeitpunkten ergab einen Trend für eine zunehmende auditorische Modulation der visuellen Antwort in den ersten Monaten nach der CI-Erstanpassung.

Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse belegen Unterschiede zwischen CI-Patienten und Normalhörenden hinsichtlich der kortikalen Sprachverarbeitung in auditorischen und audio-visuellen Bedingungen. Auch nach sechs Monaten CI-Erfahrung bleibt die kortikale auditorische Antwort im Vergleich zu Normalhörenden reduziert und verzögert. Mit zunehmender CI-Erfahrung zeigt sich allerdings ein Trend für eine verstärkte cross-modale (auditorische) Modulation der kortikalen visuellen Antwort.

Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG): Projekt-Nummer 415896102


Literatur

[1] Layer N, Weglage A, Müller V, Meister H, Lang-Roth R, Walger M, Murray MM, Sandmann P. The timecourse of multisensory speech processing in unilaterally stimulated cochlear implant users revealed by ERPs. Neuroimage Clin. 2022;34:102982. DOI: 10.1016/j.nicl.2022.102982
[2] Fagel S, Clemens C. An articulation model for audiovisual speech synthesis—Determination, adjustment, evaluation. Speech Communication. 2004;44(1-4):141-54. DOI: 10.1016/j.specom.2004.10.006